Kultur : Verstehen Sie Bahnhof?

Der Surrealismus gilt zu Recht als eine der bedeutendsten Kunstrichtungen des 20.Jahrhunderts.Und es soll niemand sagen, die Berliner Senatsverwaltung für Kultur habe dafür keinen Sinn.Im Gegenteil, einer wie René Magritte ("Ein Museum ist ein Museum ist ein Museum") hätte am jüngsten Einfall von Radunski & Co sicher große Freude gehabt.Dem in Sachen Humor minderbegabten Rest der Welt bleibt nur das große Staunen.Darauf muß man erstmal kommen: Keine zwei Jahre ist es her, daß der Hamburger Bahnhof als Museum für Gegenwart eingeweiht wurde.Nun will die Bahn AG einen Teil des Museums zum firmeneigenen Gästehaus umbauen.

Es klingt wie ein Aprilscherz, ist aber purer Ernst: Die Kassen sind leer und die Verlockungen, mit denen die Bahn ihr Anliegen garniert, erheblich.Auf 26 Millionen Mark wird der Wert des Grundstücks geschätzt, den das Land Berlin als Gegenleistung erhalten soll.Dabei handelt es sich nicht um eine x-beliebige Liegenschaft, sondern um den Grund und Boden, auf dem das 100-Millionen-Museum steht.Tolles Geschäft, denkt die Kulturverwaltung, das darf man sich doch nicht durch die Lappen gehen lassen! Daß dadurch das Museum für Gegenwart wichtige, für sein einzigartiges Profil dringend benötigte Räume verliert, daß vor allem der Sammler Erich Marx, den man angeblich so hofierte, sich aufs übelste verprellt fühlen muß - egal.Das bißchen Mischnutzung, was macht das schon.Sollen sich nicht so haben, die Leute, schließlich gibt es nicht nur Museen, die aussehen wie Hotels, sondern auch Hotels, die aussehen wie Museen.Wer im übrigen wissen möchte, wie eine solch fatale Situation überhaupt entstehen konnte, sollte am besten mal Radunskis Parteifreund Volker Hassemer fragen.Der war seinerzeit Kultursenator in charge, damals, 1987, als alles begann: der Traum von einem lebendigen Museum für Gegenwart in Berlin.

Der Hamburger Bahnhof ist ein Museum und wird Museum bleiben: sagt Senatssprecher Michael-Andreas Butz.Da mag er recht haben.Fragt sich bloß, ob dieses Museum, von dem Butz spricht, nach dem Einzug der Bahn den verwöhnten Berliner Ansprüchen noch gerecht wird.Die Kultur ist ja doch ein merkwürdiges Wesen.Sie kann zickig sein, kapriziös, elitär.Manchmal ist sie empfindlich, will Raum und Zeit ganz für sich beanspruchen.Wer sie dabei stört, wird sehen, was er davon hat.Vielleicht schmollt sie nur ein Weilchen, vielleicht läuft sie aber auch davon und läßt sich nicht mehr blicken.In die Philharmonie baut ja auch niemand eine Bowlingbahn, obwohl das den Umsatz steigern würde; den Surrealisten hätte freilich auch diese Idee gut gefallen. U.C.

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