Versteigerungen im Berliner Auktionshaus Lehr : Sonnendurchbruch

Warhol und Schiele – die Frühjahrsauktion bei Lehr.

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Grünstich. Das „Chromatische Relief“ von Raimer Jochims wird versteigert. Foto: Lehr
Grünstich. Das „Chromatische Relief“ von Raimer Jochims wird versteigert. Foto: Lehr

Den rechten Arm winkelt sie über das Bein, streichelt Fuß und Knöchel, während der linke Arm den Kopf im Nacken stützt und das Achselhaar als dunkelsten Punkt bloßlegt. Egon Schieles „Sitzende Frau“ ist Sinnlichkeit pur. Gerade das leichte Kleid steigert ihre körperliche Präsenz. Der Unterrock rafft sich im Schoß zu einer Landschaft, der Stoff legt sich lasziv um das Modell, dem Schiele im Jahr 1917 mit reduziert lockeren Bleistiftstrichen eine betörende Dynamik verleiht. Sitzend und zugleich tänzelnd scheint sie mit dem Künstler zu spielen. Apart, kokett und durchaus selbstbewusst.

Nicht die Drastik und das Abgründige der menschlichen Existenz, die Schieles Werk so unverwechselbar machen, stehen im Vordergrund. Im Jahr vor dem frühen Tod des Radikalsten unter den Wiener Modernen scheint die Lust über das Leid zu triumphieren. 2000 österreichische Schilling hat das Blatt in den fünfziger Jahren gekostet. Erworben hatte es Lothar Bolz, seinerzeit Minister für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, aus dessen Nachlass es nun im Auktionshaus Lehr zur Versteigerung gelangt. Als absolutes Highlight und mit einem Schätzpreis von 150 000 Euro.

Doch auch sonst lohnt die Vorbesichtigung. Denn dass die Lehr-Offerte qualitativ zugelegt hat, spiegelt nicht zuletzt eine Gesamtschätzung von rund 1,26 Millionen Euro. In der klassischen Moderne locken Landschaften von Ernst Ludwig Kirchner, für dessen leicht diffusen „Sonnendurchbruch“ 30 000 Euro angesetzt sind, und Karl Hofer, dessen „Caslaner Berg“ für 75 000 Euro angeboten wird. Lesser Urys wunderbar erdiger „Märkischer See“ von 1889 ist auf 20 000 Euro taxiert. Aus den späten Zwanzigern stammt Fritz Winters Leinwand ohne Titel (Spargelfeld). Die Bewunderung des 23-jährigen Bauhaus-Studenten für Paul Klee zeigt sich in skriptural-organischen Zeichen. Geradezu visionär jedoch ist sein pastoser Farbauftrag, der die Art Brut vorwegzunehmen scheint. Den Schätzpreis von 25 000 Euro dürfte die Rarität aus der Sammlung des Prinzen Georg von Sachsen-Weimar-Eisenach spielend hinter sich lassen.

Winters Bedeutung als Mittler zwischen Klassischen Moderne und der Nachkriegsmalerei unterstreichen zwei Farbfeldmodulationen der sechziger Jahre (30 000 und 70 000 Euro). In dieser Tradition entwickelte auch Raimer Jochims seine Verlaufsbilder. Ein „Chromatisches Relief“ (1963), das der frühere Städelschulrektor mit Blaugrün-Schwarzgrün-Akkorden anstimmt, ist mit 9000 Euro bewertet. Aus dem reichen Zero-Angebot ragen Adolph Luthers Spiegel-Objekte (ab 1500 Euro) und eine Frottage von Heinz Mack heraus, der schlichtes Deckweiß auf schwarzem Bütten vibrieren lässt (4000 Euro). Ein anderes Highlight gibt es gegen Ende der 626 Losnummern: Andy Warhols „Mick Jagger“ (1975) ist nicht nur vom Pop-Heroen, sondern auch vom Frontmann der Rolling Stones signiert. Was den Siebdruck auf stolze 25 000 Euro hievt. Michaela Nolte

Lehr Kunstauktionen, Sybelstr. 68. Vorbesichtigung bis 26. April, tägl. 12–19 Uhr. Auktion: 28.4., ab 13 Uhr im Berlin Excelsior Hotel, Hardenbergstr. 14

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