Kultur : Verstrickung und Bedrängnis

Jubiläums-Matinee der Berliner Philharmoniker

Christiane Peitz

Ganz schön gewagt: Das Jubiläum wird gefeiert, gestern Abend mit Mahlers Neunter und anschließendem Gala-Dinner, aber erst mal beginnt es mit einer schmerzhaften Erinnerung. Mehr noch, die gesamte Jubiläumssaison steht im Zeichen eines düsteren Kapitels der Orchestergeschichte. Ein Buch, eine Foyer-Ausstellung und ein Dokumentarfilm von „Rhythm is it“-Regisseur Enrique Sanchez Lansch (die ARD zeigt ihn am 29.11.) porträtieren das „Reichsorchester“, das die Philharmoniker unter den Nazis offiziell waren. Zum 125. Geburtstag – und das ist so irritierend wie von sympathisch programmatischer Ehrlichkeit – erhellen die Philharmoniker weniger Furtwänglers schon bekanntes kompliziertes Verhältnis zu Hitler und Goebbels als vielmehr die eigene Verstrickung: den Versuch, im Probenalltag zwischen künstlerischer Autonomie und Deals mit der Macht hindurchzuschlingern.

„Das Regime nutzte das Orchester, das Orchester nutzte das Regime.“ Der Soziologe Wolf Lepenies veranschaulicht bei der Matinee im Kammermusiksaal die todernste Musikbesessenheit der NSFührungsclique ebenso wie die Privilegienversessenheit der Musiker und ihren irrtümlichen Glauben, die Freiheit teilen zu können. Als „ließe sie sich in der Kunst bewahren, während sie im Leben längst verloren war“ (nachzulesen als Vorwort von Misha Asters „Reichsorchester“-Buch, Siedler, 400 S., 21,95 €).

Dazu führten Bläser und Streicher der Philharmoniker Musik verfemter jüdischer Komponisten auf: nach Mendelssohn den Tschechen Pavel Haas und Erwin Schulhoff, die von den Nazis ermordet wurden. Das (im Programm vermerkte) fis-Moll-Quintett des ebenfalls verfemten Walter Braunfels wurde kurzfristig abgesetzt: weil die Musiker anders als von den Erben gewünscht nicht alle Sätze aufführen wollten?

Haas’ Bläserquintett op. 10 (1929): Mit Lepenies’ Chronik der Anpassung im Ohr vermeint man, in der Melange aus Naturlaut, mährischem Tanz und Synagogen-Gesang die Enge des Schtetls vernehmen zu können, aber auch Verve, Trotz, Überlebenswillen. Noch eindrücklicher führt der Pianissimo-Spuk von Schulhoffs Streichsextett (1920/’24) die Bedrängnis vor Augen. Ganz eng rücken die Töne zusammen, reiben sich im Flageolett, verharren in chromatischen Ostinati. Der vorweggenommene Freiheitsentzug, die Protestnote des Aufbegehrens: Noch war das nicht verboten. Christiane Peitz

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