Versuch über das Heilige : Von Steinen, Kindern und Göttern

Es sind kleine Nischen, mehr nicht. Vertiefungen im Felsstein, manchmal quadratisch, manchmal mit Säulen und Bogen. Auf dem Sockel ein Stein. Oder zwei. Oder drei. Schlichte Reliefs: eine Stele, ein Quader, ein Brocken. Kleine Felsgötter, in den Felsen gehauen.

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Morgenländer. Ob die Weisen über die Weihrauchstraße der Nabatäer nach Bethlehem kamen? Das Handelsvolk der Nabatäer machte Petra zu seiner Hauptstadt. Die Abbildung zeigt die von einem Engel sanft geweckten drei Könige auf einem Kapitell in der Kathedrale von Autun, Burgund.
Morgenländer. Ob die Weisen über die Weihrauchstraße der Nabatäer nach Bethlehem kamen? Das Handelsvolk der Nabatäer machte Petra...Foto: Image-Forum

Der einzige Weg in die jordanische Felsenstadt Petra, dieses 2000 Jahre alte Weltwunder einer aus dem Gebirge herausgeschlagenen Metropole samt unzähligen Tempel- und Gräberstätten, führt durch den Siq. An den rotschimmernden Sandsteinwänden des Canyons kann man diese Votivnischen entdecken. Einfache Heiligtümer, Ursprung der Religion: Nicht die Sonne ist Gott, nicht das Gewaltige, Bedrohliche, das Feuer oder die Schlange, nicht was fern liegt und den Verstand übersteigt, sondern das Naheliegendste. Die Felsbewohner erklären ein Stück vom Felsen für heilig. Sie markieren einen Rahmen und lassen ein Stück vom Stein stehen. Kein göttlicher Fingerzeig wie bei Michelangelos Erschaffung des Adam, sondern ein menschlicher: Seht her, der Fels hier sieht auch nicht anders aus als der Rest des Bergs, aber er ist besonders, ist beseelte Materie. Lasst ihn uns anbeten.

Der Petra-Besucher spaziert durch den kilometerlangen Siq; 70 Meter hoch sind die Felswände mit den Nischen darin. Ihm fällt der Animismus der Naturreligionen ein und die Vielzahl heiliger Steine, die Kaaba in Mekka, die Obelisken der Ägypter, Menhire, Monolithen und Jakobs Schlafstein, den er salbte, nach dem Traum von der Himmelsleiter. Aber das hier ist etwas anderes. Nicht hoch aufgerichtet sind diese Kultsteine, sondern unscheinbare Vergöttlichungen. Manche haben Augen und Nase. Punkt, Punkt, Komma, ohne Strich. Kindsköpfe, Kindsgötter.

Dusara heißt der Felsengott der Nabatäer, des cleveren Handelsvolks, das die Weihrauchstraße kontrollierte und seine Hauptstadt im Felsenkessel versteckte. In der vornehmen Variante ist Dusara ein schwarzer Stein auf goldenem Sockel, auch eine Göttin haben die Nabatäer und sind überhaupt Polytheisten. Von dem, was sich in der Blütezeit ihres Reichs auf der anderen Seite des Jordans abspielt, ahnen sie vermutlich nichts. Aber auch dort, in Bethlehem im Westjordanland, wird das denkbar Natürlichste zum übernatürlichen Phänomen. Auch dort taucht ein Gott in bescheidenem Rahmen auf, als Sohn einfacher Leute. In einer Krippe im Stall. Ein gewöhnlicher Gott: Babys gibt es nun wirklich zuhauf im Reich des Kaisers Augustus. Aber ein Engel erklärt es zum himmlischen Kind und alle Welt sagt, lasst es uns anbeten.

Der Himmel fällt uns auf den Kopf und verwandelt sich uns an

„Das Einfache ist nicht das Simple, sondern das Komplexe, das sich nichts anmerken lässt“, heißt es in Franz Hohlers Textsammlung „Das Kurze, das Einfache, das Kindliche“. Über Kinder sagt er, dass sie Künstler, Dichter, Philosophen sind und die Welt neu erschaffen. Er zitiert William Wordsworth: „The child is father of the man.“ Ursprung der Religion: das Staunen über erste Blicke, erste Schritte, erste Worte. Punkt, Punkt, Komma.

Die Steine in Petra werden Betyle genannt. Vielleicht beteten die nabatäischen Wüstensöhne den Felsen ja an, weil er in der Wüste als Schattenspender so gut tut. Das Wort kommt aus dem Aramäischen, auch die Griechen und Hebräer kannten es. Baitylia, Beth-El, „Haus Gottes“. Um Christi Geburt sind die Sprachen in der Region einander verblüffend verwandt, das Arabische eingeschlossen. Der Handel bringt das mit sich. Über den Ursprung des Ortsnamens Bethlehem streiten die Gelehrten, vielleicht bedeutet auch er „Haus Gottes“.

Das Einfache, das Kindliche, das Erhabene: Auf beiden Seiten des Jordans sind auch himmlische Mächte im Spiel, es ist nur eine Frage der Lesart. Die Phönizier und Griechen sahen in den Betylen vom Himmel gefallene Steine mit magischen Kräften. Uranus setzte sie ein, im Kampf gegen seinen Sohn Kronos. Meteoriten als Götterboten. Und drüben in Bethlehem schickt ein Gott seinen Sohn auf die Erde, von hoch hoben künden Engel den Hirten davon, und ein Komet weist den Weg aus dem Morgenland bis in den Stall. Bestimmt reisten die drei Weisen mit Gold, Weihrauch und Myrrhe auch ein Stück über die Weihrauchstraße der Nabatäer.

Der Himmel fällt uns auf den Kopf und verwandelt sich uns an. Diese friedliche Variante, wie sie in der Bibel steht, kommt einem in Petra eher in den Sinn als die kriegerische des Uranus. Weil die Betyle von ihrer Heiligkeit kein Aufhebens machen. Wer das Irdische nur lange genug betrachtet, der fängt an, es einzuhegen und Geschichten drumherum zu ersinnen, bis unversehens das Göttliche aufscheint. Und sei es im schnöden Stein. Er mag verwittern im Lauf von 2000 Jahren, die Natur mag sich das von Menschenhand Geschaffene wieder zurücknehmen oder ihm zumindest weiche Konturen verleihen. Eines Tages wird Gott wieder im Felsen verschwunden sein. Und es bleibt nur der Abdruck einer verschollenen Frömmigkeit.

Jordanland, Rotes Meer, Israel, Syrien, Irak, es ist die Weltgegend, in der unsere Religionen entstanden. Der semitische Nomadenstamm der Nabatäer, auch daran denkt man im Nahen Osten mit Wehmut, war nach seinen Anfängen als Räuberhorde ein friedliches Volk. Ein erzkapitalistisches – wer seinen Besitz nicht mehrte, wurde bestraft –, aber Krieg führten sie nicht mehr, nachdem sie sich das Monopol auf die Handelswege erstritten hatten. Sie wurden reich mit Gerüchen und Gewürzen, sie verteidigten ihre Macht, in dem sie sich anpassten. Ihre Kultur ist die hohe Kunst der Integration: Römisches, Griechisches, Byzantinisches, sie ließen Baumeister und Künstler anreisen, lernten voller Respekt von ihren Gastarbeitern und machten etwas Eigenes daraus. Geschlagen wurden sie nie.

Aber als die Römer die Schifffahrt auf dem Roten Meer ausbauten und neue Nomadenstämme nachrückten, begriffen sie, dass ihre Zeit vorbei war. Die Nabatäer sattelten um, wurden Bauern, machten sich klein. Ihre Spur verliert sich in der Geschichte, wie die Spur ihrer Götter auf den Sandsteinfelsen von Petra.

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