Kultur : Versuchte Verteidigung

Mit des Kanzlers Segen: die Flick-Collection

Christina Tilmann

Nicht alle Tage spricht der Bundeskanzler zu einer Kunstausstellung. Dass die Eröffnung der Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof durch eine Rede Gerhard Schröders zum Staatsakt wurde, ist ein deutliches Signal: Die Flick-Sammlung in Berlin ist politisch erwünscht und solle, so Schröder, möglichst auf Dauer in Berlin bleiben (was der Sammler mit dem Hinweis auf die mögliche Hochzeit nach sieben Jahren Verlobungszeit wohlwollend aufgreift). Gerade diese staatliche Unterstützung erzürnt nach der aufgeheizten Debatte viele: etwa den Direktor des FritzBauer-Instituts für Holocaustforschung Micha Brumlik. Für ihn ist Schröders Auftritt ein „ausgesprochener Skandal“. Der Kanzler und Kulturstaatsministerin Christina Weiss hätten Flick „liebedienerisch“ umworben. Auch Berliner Grünen-Politiker blieben der Eröffnung demonstrativ fern.

Von Seiten der Beteiligten jedoch ging alle Kritik unter in einer Litanei der Dankbarkeit. Dank und Applus für den Sammler, dessen Großzügigkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit, Unkompliziertheit die Präsentation in Berlin erst möglich gemacht hatte. Dank an Heinz Berggruen, Freund und Verteidiger Flicks, der dem Vorhaben als unantastbare Instanz den Segen gegeben hatte. Dank an Eugen Blume und sein Team, die den Hamburger Bahnhof samt umgebauten Rieck-Hallen hergerichtet haben. Dank an Erich Marx, der seine Sammlung, bislang Grundstock des Museums, für die Dauer der Erst-Präsentation zurückgestellt hat...

Späte Einhelligkeit herrschte bereits auf der bemerkenswert defensiven Pressekonferenz am Morgen der Eröffnung. Es ist schon seltsam: Da wird eine Sammlung präsentiert, wie sie von Umfang und Qualität in Berlin einzigartig ist, aber die Freude ist mit ungewöhnlicher Ernsthaftigkeit und politisch-moralischen Appellen unterfüttert. Jede Dankesrede ist da auch ein Gegenrede, gegen die Kritik, gegen Verletzungen und Verdächtigungen, die die Diskussion noch am Tag der Museumseröffnung dominieren. So konnte man einen Stiftungspräsidenten Klaus-Dieter Lehmann erleben, der ungewöhnlich emotional die Debatte der vergangenen zwei Jahre rekapitulierte und die Haltung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz verteidigte. Eine Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die den Sammler geradezu als Lichtgestalt vorstellt, geläutert durch die Begegnung mit der Kunst. Und einen Sammler, der mit sich offensichtlich im Reinen ist, nachdenklich, aber nicht verunsichert.

Es seien die drei schwersten Jahre seines Lebens gewesen, so Flick, und manchmal sei ihm die öffentliche Debatte wie ein Spießrutenlaufen vorgekommen. Doch wie er mit der Verantwortung, die er aufgrund seines Namens verspüre, umgehe, lasse er sich „nicht vorschreiben“. Zudem habe er immer versucht, Familiengeschichte und Kunst zu trennen, schon aus der Verantwortung „seinen“ Künstlern gegenüber. „Wie immer Sie zu mir stehen, schlagen Sie sich mich aus dem Kopf. Ich bin nur der Sammler. Der Kunst gehört die Bühne“, gab er den Gästen am Abend mit auf ihren ersten Rundgang durch die Ausstellung.

Selbstkritische Töne finden sich eher in einem Gespräch, das Kurator Eugen Blume mit Flick geführt hat und das die Staatlichen Museen in einem , in der Ausstellung kostenlos verteilten Dokumentationsheft abdruckten. Er habe seinen Familiennamen zunächst nicht als niederdrückende Bürde empfunden, so Flick auf die Frage, wann er zum ersten Mal mit der Schuld seines Großvaters konfrontiert worden sei. Auch zu politischen Gesprächen sei es zwischen beiden nie gekommen: Der Großvater sei für ihn eine Respektsperson gewesen. Im Zusammenhang mit späteren Erkenntnissen fällt dann das Wort „Verdrängung“.

Verdrängung lautet auch der Vorwurf, dersich immer wieder an die Staatlichen Museen richtete, nicht erst angesichts des lieblos gestalteten Infohefts, das mit einem Editorial von Blume beginnt, welches an Defensivität kaum zu überbieten ist. Dass niemand die Kunst in Geiselhaft für die Familiengeschichte des Sammlers nehmen wolle: ja klar. Dass diese Familiengeschichte spät und nur halbherzig thematisiert wurde, ist aber eine andere Sache. Wer gestern die vielen internationalen Journalisten und ihre kritischen Fragen erlebte, dürfte spätestens da jeden Glauben daran verloren haben, dass ein unvoreingenommener Blick auf die Ausstellung möglich sei.

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