Kultur : Verteidigung der Volkskunst

Der Maler und das Fanal von Abu Ghraib

Nicola Kuhn

Die drallen Figuren sind sein Signet. Ein Botero lässt sich auf Anhieb in einer Ausstellung erkennen. Und doch dauerte es Jahre, bis der heute international bekannteste Künstler Kolumbiens mit seinen Werken ins Museum gelangte. Den Weg ebneten dem damals noch in New York lebenden Künstler erst Ausstellungen in Europa, angefangen 1966 mit Einzelpräsentationen in Baden-Baden und München. Seine Beliebtheit und Produktivität sind bis heute unvermindert, so dass etwa in der Berliner Galerie Brusberg regelmäßig neue Werke von ihm zu sehen sind. Zugleich mag ihm die Kritik seine naive Herangehensweise nicht verzeihen: seine Übersetzungen von Meisterwerken der Kunstgeschichte in die eigene voluminöse Formensprache, letztlich die Nähe zur Volkskunst.

Seit der Ausstellung seines Abu-Ghraib-Zyklus im Palazzo Venezia in Rom (noch bis 25.September) ändert sich das jedoch. Naivität lässt sich dem Maler der insgesamt 48 Bilder, Zeichnungen und eines lebensgroßen Triptychons kaum vorwerfen. Hier setzt sich ein Künstler mit den Folterungen durch US-Rekruten im Bagdader Gefängnis Abu Ghraib auseinander, mit seinen unverwechselbaren Mitteln – und seien es die der naiven Malerei. Geblieben sind die typischen voluminösen Figuren des Kolumbianers, die diesmal jedoch eher Fleischbergen gleichen – gefesselt, in Kreuzigungspose oder in Frauenunterwäsche gezwängt, rot leuchtend wie die Wunden der irakischen Gefangenen. Inspiriert von Picassos Monumentalgemälde „Guernica“, hofft Botero, die erschütternden Ereignisse vom November 2003 auf diese Weise dem Vergessen entreißen zu können.

Sein aufklärerisches Engagement kommt für Kenner von Boteros Kunst nicht überraschend. Immer schon tauchten in seinem Panoptikum aus Kleinstädtern, Provinzlern und Stierkämpfern auch die Figuren der Macht auf. Mit den letzten Jahren begann er allerdings immer deutlicher, sein Heimatland als Schlachtfeld für Drogenbarone, Guerillas und Militärs darzustellen. Sein Sohn, der Mitte der Neunziger Kolumbiens Verteidigungsminister war, wurde 1996 zu fünf Jahren Haft verurteilt, da er mit Drogengeldern den Präsidenten im Wahlkampf unterstützt hatte. Als Botero von Abu Ghraib erfuhr, fühlte er sich nach eigener Aussage spontan in seiner Verantwortung als Künstler gefordert.

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