Kultur : Verteidigung des Glaubens

Nachgelassene Schriften des politischen Theoretikers John Rawls

Marius Meller

Auch Philosophen sind klatschsüchtig. Gerne hätte man Zeugnisse dafür, ob sich dieser oder jener atheistische Denker nicht auf dem Totenbett doch noch zu einer Religion bekannte, ob einer seine Philosophie widerrief, gerne hätte man so etwas wie die Jugendtagebücher von Friedrich Nietzsche oder Gedichte von Kierkegaard.

Im Falle des einflussreichsten politischen Theoretikers des 20. Jahrhunderts, John Rawls, der 2002 starb, mag ein Hauch dieses indiskreten Bedürfnisses nach Widerruf und Glaubensbekenntnis mitgespielt haben, als der Philosoph Thomas Nagel sich an die kommentierte Herausgabe eines späten, unveröffentlichten, auf der Festplatte des Philosophen gefundenen Kurztextes „Über meine Religion“ machte. Im Nachlass fand man außerdem eine Bachelor-Arbeit von 1942 „Eine kurze Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube“, die der große Philosoph im zarten Alter von 21 Jahren verfasste und die immerhin mit 98 von 100 Punkten bewertet wurde.

Der sorgfältig kommentierte Band, der mit einem hochinstruktiven, an seine eigene Beschäftigung mit der Frage des Religiösen anschließenden Nachwort von Jürgen Habermas ergänzt ist, muss mindestens für zwei gesellschaftliche Gruppen interessant sein, mithin eine Sensation: Erstens für alle Rawlsianer, die die Genese seines Denkgebäudes minutiös verfolgen.

Und zweitens für die wesentlich größere Gruppe derer, die sich für die Begründung einer säkularen Gesellschaft interessieren, die das friedliche Zusammenleben von religiösen Überzeugungen ermöglicht. Habermas weist darauf hin, dass alle Aspekte von Rawls späterem philosophischem Interesse in dem Jünglingswerk berührt sind: Die religiös konnotierten Begriffe „Person“ und „Gemeinschaft“ führten bereits jenen normativen Gehalt mit sich, der in die Grundbausteine der ausgearbeiteten Politischen Theorie eingehen werde.

Die Bachelor-Arbeit ist eine einzige Verteidigung des Glaubens und entwirft eine Theologie auf der Grundlage der episkopalischen Orthodoxie, mit Witz geschrieben, einer leichten Ironie, große Gelehrsamkeit, die selbstbewusst auch einmal in die Irre geht, etwa wenn es um das Körperbewusstsein der Griechen geht. Vor allem aber leistet sie einen ersten Versuch, eine Moral zu entwickeln, die mit und ohne Glaube funktioniert. Rawls ist überzeugt, dass Sünde wie gutes Werk immer in Gemeinschaft – das ist das Zauberwort des Essays – mit Gott vollzogen werden. Dabei ist theoretisch irrelevant, ob Gott existiert oder auch nicht. Dennoch plädiert der junge Rawls mit einer gleichsam rotbackigen Verve für ein dogmatisch modifiziertes Christentum.

Der nachgelassene Text aus dem Jahre 1997 ist das aufschlussreiche Gegenstück: John Rawls erzählt, wie er im Krieg seinen adoleszenten Glauben verlor. Aber der Grundzusammenhang, den er in seinem Jugendwerk aufstellte, bleibt erhalten: Die Kontinuität unserer vernünftigen Urteile, ohne die unser Denken zusammenbricht „lässt nichts anderes zu, wie fromm auch immer es scheinen mag, alles dem göttlichen Willen zuzuschreiben“. Marius Meller

John Rawls: Über Sünde, Glaube und Religion. Hrsg. von Thomas Nagel. Mit einem Nachwort von Jürgen Habermas. Übersetzt v. Sebastian Schwark. Suhrkamp, Berlin 2010. 343 S., 26, 90 €.

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