Kultur : Verteilt meine Asche in der Welt

Bilder diesseits des Menschen: eine letzte Begegnung mit dem Fotokünstler John Coplans

Friedrich Meschede

John Coplans ist tot. Warum? Er hatte noch so viel Energie, als Matthias Flügge und ich ihn besuchten, um ihn für unsere Ausstellung im Martin Gropius-Bau einzuladen. Es war schwierig, ihm den Titel „Bilder diesseits und jenseits des Menschen“ entsprechend zu übersetzen. Das Konzept interessierte ihn nicht. Wie viele Räume? Nur einen!!! Gebt mir die ganze Etage, ich fülle sie mit meinen Körperbildern.

Auf den Rat eines guten Freundes hin hatten wir als Gastgeschenk zwei Stangen Marlborough light in der Hand, als wir vereinbarungsgemäß bei der Adresse Bowery in SoHo klingeln, die alten Stiegen hoch ins Atelier von John Coplans, der uns begrüßte, um sich sogleich darüber lustig zu machen, dass Deutsche so pünktlich sind. Er griff nach den beiden Stangen Zigaretten, die sofort in einer Schreibtischlade verschwanden, wo bereits weitere Stangen gehortet wurden. Bürgermeister Bloomberg habe soeben seine AntiRaucher-Kampagne gestartet, dann eine kurze Schimpftirade auf diese neue Politik, die dabei ist, alle Genüsse des Lebens zu verbieten, kein Rauchen mehr, kein Alkohol in der Öffentlichkeit. Rauchen Sie? Darauf wurde erst mal eine geraucht.

John Coplans zeigte uns die Arbeit, die er soeben abgeschlossen hatte: eine Fotoserie mit Körperfragmenten. Nichts Ungewöhnliches für Coplans, weil es seine Art ist, den eigenen Körper zu dokumentieren. Es charakterisiert seine künstlerische Sichtweise, die einen Grund auch in seiner zunehmenden Erblindung hatte. Das Auge übermittelte ihm seit geraumer Zeit nicht mehr die Welt als Ganzes. Das Sehen fand in Fragmenten statt, das Erkennen in Ausschnitten. An seinem Arbeitsplatz befand sich eine große, selbst konstruierte „Sehmaschine“, eine Apparatur aus Linsen und Computern, mit der Coplans auch unsere vorangegangene Korrespondenz empfangen hatte.

Das Beklemmende an der neuen Serie war die Art der Fragmentierung. Die Körperteile waren so zueinander komponiert, dass das Ergebnis wie eine neues Wesen aus Körpergliedmaßen erschien. Er begann zu erzählen. Der Hintergrund war, wie so vieles im heutigen New York, der 11. September 2001. Coplans berichtete, dass er die Pressefotos nicht vergessen konnte, in denen abgerissene Gliedmaßen von Menschen zu sehen waren. Über Wochen konnte er nicht arbeiten. Wie viele New Yorker berichtete er davon, was kein Bild übermittelt: Er erzählte von dem permanten, penetranten Geruch der Verbrennung, der über SoHo lag, dem den Türmen nahen Künstlerviertel, in dem er einer der wenigen Künstler sei, der den Boutiquen noch nicht gewichen ist. Jetzt sei er auch zu alt dazu.

Dann kam eine Fotolaborantin hinzu und legte ihm Abzüge zur Korrektur vor. John Coplans hatte die Zeit nach dem 11. September überwunden und konnte endlich wieder Fotos seines Körpers im Ganzen aufnehmen, wie immer ohne Gesicht, denn die Physiognomie würde eine Klassifizierung ermöglichen, er aber wolle weder einer Rasse noch einer Nation oder Religion zugeordnet werden. Die Bilder zeigen ihn in athletischer Pose, frontal mit unverhülltem Geschlecht, vor einem neutralen Hintergrund. Dies seien die ersten Körperposen einer neuen Serie, so Coplans. Schnell war vereinbart, dass wir diese Serie, von der es zum Zeitpunkt unseres Besuchs vier fertige Arbeiten gab, in Berlin zeigen möchten. Wieviel Meter Ausstellungsfläche wollen Sie mir geben? Wir haben den Raum vermessen, ihm die Pläne überlassen und so entstanden 22 Aufnahmen eines alternden Männerkörpers, der sich alt darstellt, aber gegen den Verfall zu wehren scheint.

John Coplans war, bevor er diese Fotos aufnahm, Chefredakteur des „Artforum“ gewesen, und so war es für uns nahe liegend, ihn für den Katalog um einen Text über sich selbst zu bitten. Es ist ein wunderbarer Text, voller Selbstironie, Witz und künstlerischer Anarchie: „Paradoxerweise werde ich selbst die fertig gestellten Arbeit aufgrund meiner nachlassenden Sehkraft nicht mehr sehen können. Ich werde also auf die Stellungnahme anderer Leute warten müssen, wenn ich herausfinden will, ob die Umgebung, die durch meine Serial Figures geschaffen werden sollte, auch tatsächlich so zustande gekommen ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Der Spaß geht also diesmal auf meine Kosten. John Coplans"e

In einem Epilog, adressiert an seinen Sohn Joseph, publiziert 1996 unter dem Titel „Provocations“, schreibt Coplans, dass es sein letzter Wille sei, dass sein Körper in aller Stille eingeäschert werde, ohne jedes religiöse Ritual. Er habe nichts dagegen, danach einen Drink zu nehmen. Aber mehr nicht. Und er habe ihm, dem Sohn, Geld hinterlassen, seine Asche in kleinen Päckchen, wie Drogendealer es machen, abzupacken, um sie in der Welt zu verteilen, an ihm wichtigen Orten, die er im Epilog beschreibt. Am vergangenen Donnerstag ist Coplans mit 83 Jahren gestorben. Gestern wurde sein Körper eingeäschert.

PS. Dem Freund in Berlin schrieb Coplans unmittelbar nach unserem Besuch, dass zwei große, pünktliche deutsche Biertrinker bei ihm gewesen seien. Er freue sich sehr, die neuen Werke in Berlin zu zeigen.

Der Autor ist Leiter des daad-Künstlerdiensts und hat gemeinsam mit Matthias Flügge die Ausstellung „Warum!“ im Gropius-Bau kuratiert, die Arbeiten von John Coplans enthielt.

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