Kultur : Vertreibung und Gedächtnis

Ein deutsch-polnisches Theaterstück in Wroclaw

Thomas Roser

Kaum ein Thema belastet die deutsch- polnischen Beziehungen so sehr wie die Frage nach der Aufarbeitung der Vertreibung. In Wroclaw, dem früheren Breslau, haben sich Polen und Deutsche nun erstmals gemeinsam an die theatralische Auseinandersetzung mit ihrer Vertriebenen-Vergangenheit gewagt, und jeder in seiner Sprache. „Transfer“ nennt sich das am Zeitgenössischen Theater inszenierte Stück über Flucht und Vertreibung. Die Collage sorgte in Polen schon vor der Premiere für landesweite Aufregung. Polnische Veteranen-Verbände fürchteten, dass deutsche Kriegsverbrechen relativiert werden sollten. Eine nationalkonservative Senatorin forderte – vergeblich – Einsicht in den Text der deutsch-polnischen Koproduktion.

Historische Aufrechnung oder Gleichsetzung hat der junge Regisseur Jan Klata ohnehin nicht im Sinn. Unzensiert lässt Klata seine Laienschauspieler in ihren eigenen Worten über den Verlust von Heimat und Jugend berichten; es sind anrührende, erschütternde, auch komische Erzählungen der bald 80-Jährigen. Hoch über den zehn Zeitzeugen summen Roosevelt und Churchill russische Volksweisen. „Habt ihr eine Landkarte?“, fragt Stalin auf der Konferenz von Jalta seine Gäste. Haben sie nicht. Mit Streichhölzern erläutert Churchill stattdessen, wie er Polen nach Kriegsende von Osten nach West zu verschieben plant. Die Polen brauche man nicht zu fragen, antwortet er auf eine zaghafte Nachfrage von Roosevelt: „Denen kann man es ohnehin nie recht machen.“ Die drei Weltmächtigen werden von professionellen Schauspielern dargestellt.

Jahrzehntelang galt im sozialistischen Polen nicht nur das Schicksal der deutschen Vertriebenen, sondern auch das Los der umgesiedelten Polen in den „wiedergewonnenen Gebieten“ als tabu. Kaum eine Stadt symbolisiert die Tragödie des damaligen gewaltsamen „Transfers“ so wie das heutige Wroclaw. Fast jede Familie in der Oder-Stadt hat ihre Wurzeln im Osten. „Sie erzählten mir das, was mir meine Großeltern nie zu erzählen vermochten,“ bedankte sich eine Studentin bei den Zeitzeugen. Alle Aufführungen in Wroclaw waren ausverkauft. Am 18. Januar hat das in Polen überwiegend wohlwollend rezensierte Experiment am Berliner Hebbel am Ufer seine deutsche Premiere. Die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ fragte: „Kann Theater eine Bresche in die Sackgasse schlagen, in der unsere Nationen noch stets verharren ?“

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