Vertriebenendebatte : Willkommen im Deutschlandhaus

Die Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" soll es allen recht machen. Auch ihr künftiger Direktor.

Thomas Lackmann
Koepp
Suchbild. Szene aus Volker Koepps Dokumentarfilm »Dieses Jahr in Czernowitz« von 2004, der die letzten deutschstämmigen...Foto: defd

Schräg gegenüber residiert die Stiftung Topographie des Terrors. Nebenan steht das Europahaus. Bedeutungsvoller lässt sich die Nachbarschaft für die neue Bundestiftung „Flucht Vertreibung Versöhung“ kaum erfinden. Wer das Deutschlandhaus am Askanischen Platz, ein Gebäude der 1920er Jahre, betritt, gerät in ein verschlafenes Foyer. Bunte Fenster, die Wappen vormals deutscher Ostgebiete, im hintersten Eck, am Lift, verbirgt sich eine Plastik von Hermann Joachim Pagels, „Die Ausgewiesenen“. Der Alte mit Stock blickt zu Boden. Die todmüde Frau hält ihr Kind im Arm. Der Mann mit Bauernhut starrt ins Weite. Oben hat der Berliner Landesverband der Vertriebenen Büros, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Schulprogramm des Deutschen Entwicklungsdienstes, die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Auch die brisante Unternehmung der im Dezember 2008 vom Bundestag beschlossenen Stiftung „Flucht Vertreibung Versöhnung“, als deren Gründungsdirektor Manfred Kittel avisiert ist, soll drei Etagen beziehen: mit einer Dauerausstellung, Wechselausstellungen und Verwaltungsräumen. Vorher muss das Deutschlandhaus noch passend gemacht und für 14 Millionen Euro saniert werden. Wenn Kittel im Herbst sein Amt antritt, schlägt er seine Zelte wohl erst mal provisorisch auf, im Deutschen Historischen Museum.

Interviews gibt der Designierte derzeit nicht, bis zur Vertragsunterzeichnung. Am 3. Juli hatte Kulturstaatsminister Neumann verkündet, der Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Regensburg und Mitarbeiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) sei aufgrund seiner ausgewiesenen „Sachkenntnis bei der Thematik Flucht und Vertreibung“ als Direktor für den Aufbau der Dokumentationsstätte gewählt worden (neun Ja-Stimmen, drei Enthaltungen). Kittel, Jahrgang 1962, stammt aus einer Familie protestantischer SPD-Sympathisanten („Begeisterung für Willy“) im fränkischen Großhaslach; nördlich des Weißwurstäquators, wie er gern betont. Dass er keiner VertriebenenGenealogie entspringt, qualifiziert ihn für seine neue Aufgabe, vielleicht, als Vermittler. Den Studenten der Geschichte, Politik und galloromanischen Philologie in Augsburg und München interessierte bereits das ganze Europa, zugleich irritierten ihn Verklemmungen der Political Correctness: Dass die Leute Rom sagen und nicht Roma, aber Wroclaw statt Breslau und es dann falsch aussprechen, mochte er nie nachvollziehen.

Kittels apologetisch grundierte Dissertation („Die Legende von der ,Zweiten Schuld‘“, 1993) rehabilitierte die Vergangenheitsbewältigung der Adenauer-Ära. Das brachte ihm vom „Spiegel“ den Vorwurf ein, er beschönige Hitlers Kriegsgerichte. Im Resümee stellt der Doktorand fest, unter anderem beweise die Eingliederung von zwölf Millionen Heimatvertriebenen, dass die BRD-Geschichte sehr wohl „über weite Strecken als einziger Versuch“ anzusehen sei, „die NS-Vergangenheit materiell und ideell zu bewältigen“. Heute räumt er ein, damals im jugendlichen Elan das komplizierte Thema pointiert angegangen zu sein. Später sei ihm, aufgrund internationaler Forscherkontakte im IfZ, die Überprüfung eigener Positionen, die Differenzierung gelungen: So entstand ein Vergleich deutscher und japanischer Vergangenheitsbewältigung („Von Nürnberg nach Tokio, 2004“). Auch seine Habilitationsschrift (1999), die NS-Affinitäten deutscher Provinzbewohner, Franken eingeschlossen, dem politischen Verhalten französischer Landbevölkerung in den 1930er Jahren gegenüberstellt, markiert Forschungsschwerpunkte. Mit einem deutsch-tschechischen Projekt zu den Benes-Dekreten, mit Uni-Seminaren zu ethnischen Säuberungen hat sich Kittel zuletzt für die kommende Aufgabe profiliert sowie mit seinem Buch „Vertreibung der Vertriebenen?“ (2007).

Hier plädiert der Autor für „erinnerungspolitische Leuchttürme“: Was ihm den Vorwurf des „FAZ“-Kritikers einhandelte, eine solche Forderung bleibe assoziativ kontaminiert durch jene territorialen Ansprüche, mit deren Proklamation die Sehnsucht nach dem „deutschen Osten“ lange missbraucht worden sei. Als Leuchtturmwärter eines Dokumentationszentrums über Vertreibungen muss der künftige Direktor nun nicht nur jenen begegnen, die ihn auf dem Hintergrund der Nachkriegsgeschichte qua Amt als Revanchisten abstempeln. In seinem Stiftungsrat ist mit drei Plätzen auch der Bundesverband der Vertriebenen vertreten, man lässt aber angesichts der deutschpolnischen Hysterie-Affäre um Verbandspräsidentin Erika Steinbach den 13. Gremienplatz, ihren Platz, unbesetzt. Das stellt die Verbands-Homepage als Opfergang dar: Man habe sich dazu nicht „wegen polnischer Proteste“ entschlossen, „sondern weil die Sozialdemokraten die Entscheidung im Bundeskabinett blockiert hätten. Diese Blockade haben wir verhindert.“

Weitere Stiftungsräte repräsentieren die Politik, die Kirchen, die Juden in Deutschland, das Deutsche Historische Museum und das Bonner Haus der Geschichte, wo man bereits mit Aktualisierung und Anpassung der Dauerausstellung („Flucht, Vertreibung und Integration“ von 2006) beginnt. Dabei wird wiederum ein Beirat mitwirken, zu dem Wissenschaftler aus Polen, Ungarn und Tschechien gehören. Zugleich soll via Wettbewerb der Umbau-Architekt gefunden werden: Konsensbedarf ohne Ende.

Es gehe darum, „die kulturelle und geistige Substanz des deutschen Ostens“ zu erhalten, Bewusstsein für Wurzeln unserer Geschichte zu schaffen, mit der ein Viertel der Deutschen und 800 Jahre unserer Kultur verbunden seien. So zitiert Manfred Kittel am Ende seines jüngsten Buches Willy Brandt. Dem 47-Jährigen geht es um gesamtgesellschaftliche „Verantwortung für die Vergangenheit dieser Räume“. Nicht nur um „öffentliche Erinnerungskultur“, sondern auch um das „kommunikative Gedächtnis“. Man müsste also endlich – miteinander – erzählen. Willkommen im Deutschlandhaus.

DOKUMENTATION UND STIFTUNG 

Im März 2008 beschloss das Bundeskabinett die Einrichtung einer Stiftung Flucht Vertreibung Versöhnung. Unter Rechtsaufsicht des DHM soll im Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof eine Dokumentationsstätte entstehen. Am 3. Juli wurde der Historiker Manfred Kittel zum

Gründungsdirektor

gewählt.

VERTRIEBENE UND AUSSTELLUNG

Das Bundeskabinett reagiert damit auf heftige Kritik an dem Plan des Bunds der Vertriebenen, in Berlin ein Zentrum gegen

Vertreibungen zu etablieren. Besonders Stiftungspräsidentin Erika Steinbach ist in Polen und anderswo deshalb heftig umstritten. Der Vertriebenenbund zeigt nun im Kronprinzenpalais eine Ausstellung über Siedler in Osteuropa.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben