Kultur : Verwalter des Pinselstrichs

PETER HERBSTREUTH

In der Forschung unterscheidet man zwischen normaler und außerordentlicher Wissenschaft; erstere überprüft, nuanciert und bewahrt die Territorien, die die Pioniere des Außerordentlichen erobert haben.Das läßt sich auch im Blick auf die Kunst sagen, wo die großen Innovatoren - Cézanne, Picasso, Warhol, Beuys - sich an selbstgestellten Aufgaben orientierten, Breschen schlugen und dann ihren Freunden im Geiste die Verwaltung und Pflege von Teilgebieten überließen.Niele Toroni verwaltet seit Jahrzehnten den Pinselstrich, Typ Nr.50.Was besticht, ist das Faszinosum, daß dieser im Grunde stupide Akt, Wände aller Art mit quadratischen Strichen in gemessenem Abstand mal in Rot, mal in Gelb, mal in Blau zu markieren, noch immer passable optische Ergebnisse zeitigt, obschon es darüber nichts Ungesagtes mehr festzustellen gibt.Auch zum Teppichweben läßt sich kaum noch etwas bemerken, was nicht jeder Eingeweihte schon wüßte.Gleichwohl setzt jedes Muster, das aus der Erinnerung und nicht nach einer Vorlage gewebt wird, den Raum in neues Licht.

So auch bei Toronis Werklauf.Denkt man über diese Tätigkeit nach, dann gewinnt das ebenso sture wie aufmerksame Tun einen eigenen Wert.Wer webt oder stickt, der kann nicht gleichzeitig an etwas anderes denken, ist von der gleichförmigen Arbeit völlig absorbiert.Es ist eine Konzentrationsübung.Jeder Stich muß sitzen.Ist das nicht der Fall, wird der Faden wieder aufgetrennt und nochmal begonnen.Das läßt sich auch beim Muster aus gleichförmigen Strichen von Niele Toroni nachvollziehen, der wie Daniel Buren, Sol LeWitt, Keith Haring seine Freiheit in disziplinierter Wiederholung und unendlicher Variabilität entdeckte.

Jeder Strich steht allein und fügt sich durch die Reihung zu einem freundlichen Gesamtbild.Deshalb ist es kein Wunder, daß Niele Toronis Muster immer wieder bei Kunst-am-Bau-Projekten in Banken und Verwaltungsgebäuden auftauchen.Sie liefern der Angestelltenkultur die bildliche Entsprechung zur tagtäglichen Arbeit innerhalb eines festgesetzten Rahmens.Die Grundlage, auf der Toroni zu arbeiten beginnt, ist stets bereits da und als Ausführender ist er prinzipiell ersetzbar.Diesen Umstand auf seinen unteilbaren Kern reduziert und dafür ein Bild sowohl im wahrnehmbaren Raum wie in der Vorstellung geschaffen zu haben, war Toronis Geniestreich.Daran mit kleinen Ausstellungen zu erinnern, ist kein Fehler.Er wird immer wieder gerne gesehen und bedacht; auch von jüngeren Leuten.

Barbara Weiss, Potsdamer Straße 93, bis

26.Juni; Dienstag bis Freitag 12 - 18 Uhr, Sonnabend 11 - 16 Uhr.

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