Kultur : Verwandlung in Kunstgewerbe

PETER HERBSTREUTH

Von Ausstellung zu Ausstellung wird undeutlicher, was der Neue Berliner Kunstverein eigentlich will.Seit er 1993 vom Kurfürstendamm nach Mitte zog, bildet seine Neutralität eine stille Zone im lebendigsten Quartier der Stadt.Und selbst Wohlmeinende ringen um Argumente, wenn sie nach Besonderheiten des NBK im Gefüge der Gegenwartskunst gefragt werden.Der NBK bietet als einzige Institution verläßlich jeden Mittwochabend Künstlern, Kuratoren und Kritikern die Möglichkeit, Werkentwicklungen und Ideen vorzustellen.Auch verfügt seine Videothek über eine historisch beachtliche Sammlung.Aber im Rückblick stechen wenige Ausstellungen heraus, die Diskussionen prägten, die grandios mißlangen oder in wunderlicher Schönheit in Erinnerung blieben.Der NBK macht weiter, weil es ihn gibt; Spuren hinterläßt er kaum noch.

Er wurde in politisch bewegten Zeiten 1969 gegründet, hatte durch ein Kuratorium mit Mission und einer Direktorin mit Verve - so erzählt man es heute - eminente künstlerische Kräfte gebündelt und war dann in den achziger Jahren bei Künstlern in der Mitte ihres Berufsweges beliebt, weil sie schöne Einzelschauen mit aufwendigen Katalogen bekamen.Seit Gründungsdirektorin Lucie Schauer das Amt 1994 an den aus Esslingen kommenden Alexander Tolnay übergab, scheint die Leitung nach einem neuen Selbstverständnis zu suchen, zeigt aber durch ihre Ausstellungspolitik, daß die Institution auch in Braunschweig oder Siegen ansässig sein könnte.

Barbara Straka, mittlerweile Direktorin des Haus am Waldsee, hatte einst die entscheidende Frage als Kuratorin gestellt: Warum mache ich jetzt und hier diese Ausstellung? Warum ermöglicht Alexander Tolnay jetzt die Präsentation der Arbeiten von Nikolaus Lang, der Ende der siebziger Jahre neben Künstlern der "Spurensicherung" auftauchte und sich in den letzten zehn Jahren mit Zeugnissen außereuropäischer Kulturen, vornehmlich der australischen Aboriginals beschäftigt? Lang entwickle seine Arbeit, so Tolnay, aus dem Zwiespalt zwischen technischem Fortschritt und Natur einerseits und Mißverständnissen zwischen verschiedenen Kulturen andererseits.Seine künstlerische Beschäftigung gewänne gerade heute, in einer Zeit zunehmender Entfremdung von den natürlichen Grundlagen und des wachsenden Verlusts kultureller Identitäten, unbestreitbare Aktualität.

Die kuratorische Idee basiert auf dem Modell der Entfremdung und hält "das Natürliche" für gegeben, aber korrumpiert.Doch wir wollen Spurenlesern, die aus dem Kunstbetrieb Westeuropas zu den Aboriginals in die Wüste jetten, nicht weniger dekadente Süße zutrauen als etwa Paul Gauguin, der die Naturnähe der Polynesier nur als imaginäre Welt verwirklichen konnte.Deshalb lautet die Leitfrage für den Besucher, passend zum Titel, "Points of View": Wie reflektiert Nikolaus Lang seine Beobachtungen der anderen Kultur?

Er sammelt in einer Grube Australiens Sand in verschiedenen Farben, schüttet ihn im NBK in Teller und ordnet sie zu einer Pyramide.Er trennt Mangan- und Eisenknollen auf, verwendet die Hälften als Stempel und zeigt eine Serie auf Papier mit Abdrücken neben den Fundstücken.Aber da ist noch etwas anderes.Im Winter 1972 wurden in Tokyo Mitglieder der bewaffneten maoistischen Gruppe "Vereinigte Rote Armee" einem intensiven Polizeiverhör unterzogen.Vierzehn Häftlinge starben.Die "Japan Times" berichtete; Nikolaus Lang hob sich die Seiten auf, hockte sich im Winter 1979 in klirrender Kälte allein zwischen verschneite Bäume im Bayrischen Wald, steckte auf Bambusstäbe aufgespießte Masken aus getrocknetem Kuhdung in den Schnee, las den langen Bericht der "Japan Times" in den Wind und widmete die Lesung einem Vater, der damals drei Kinder verlor.

Die Zeitungsseiten hängen jetzt an einem Pfeiler im Raum; daneben stehen die Masken.Damals gelang es ihm, von Bäumen zu sprechen.Aber in den Werken von heute fehlt das Gewicht der Erde.Die Proben und Kombinationen gesammelten Materials sind liebevoll geordnet und zeugen von archivalischer Sorgfalt, die sich im Ausstellungsraum leider in Kunstgewerbe verwandelt.Es fehlt die Dringlichkeit.Doch die warmen Erdfarben wirken sanft und beruhigend.

Im Katalog wird Lang in die Nähe von Schamanen erhoben.Wer je einen erlebte, ist mit Vergleichen vorsichtig, um so mehr wenn von "Wiedererweckung eines verlorenen Bewußtseins", "Hinwendung zu kosmologischen und tierweltlichen Zusammenhängen" die Rede ist, als könnten Schamanen alle Restinstinkte runderneuern."Schamane" ist eine Auszeichnung, die seltener ist als der Nobelpreis; und die meisten Schamanen tragen schwer an ihrer Berufung.Ihre Aufgabe besteht nicht darin, die Gesellschaft in den Stand der Unschuld zu befördern, sondern umgekehrt darin, sie mit unausweichlichen Veränderungen zu versöhnen.Ihr Ziel ist ein update der Konvention.Dazu müssen sie wissen, was die Gesellschaft im Inneresten zusammenhält.Und es ist nicht erkennbar, daß Nikolaus Lang im NBK das mit seinen neuen Arbeiten auch nur antippt.

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128/129, bis 21.Juni.Katalog 28 DM.

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