Kultur : Verwanztes Erbe

ULF MEYER

Das Beispiel Reichsbank: Der Umzug der Bonner Ministerienin Berliner Altbauten aus der Zeit des "Dritten Reiches"VON ULF MEYERDas Auswärtige Amt wird 1999 das ehemalige Reichsbankgebäude in Berlin beziehen und dort Gäste aus aller Welt empfangen.Die Entscheidung wirft Fragen nach dem Umgang mit der Baugeschichte des 20.Jahrhunderts auf, die sich exemplarisch an der wechselvollen Geschichte des Gebäudes ablesen läßt.Zur Nazi-Zeit errichtet und vom Politbüro der DDR genutzt, wird es mit dem Umzug erstmalig eine demokratische Institution beherbergen. Die Probleme gelten auch für andere Bauten in Berlin, die von Bonner Ministerien genutzt werden sollen; vor allem dem Finanzministerium, das ins ehemalige Reichsluftfahrtministerium ziehen wird.Dieser Bau von Ernst Sagebiel aus dem Jahr 1935 wurde zu DDR-Zeiten als "Haus der Ministerien" genutzt und heißt jetzt "Detlev-Rohwedder-Haus", nachdem es 1991-96 Sitz der Treuhand war.Die grundsätzliche Frage nach dem Umgang mit der ungeliebten Hinterlassenschaft der Nazi-Architektur stellte sich natürlich auch schon vorher und nicht nur in Nürnberg, sondern auch in West-Berlin.Die Bauten am Fehrbelliner Platz etwa wurden wie selbstverständlich von Behörden in Anspruch genommen. Die Reichsbank war das erste große Gebäude, das unter nationalsozialistischer Herrschaft in Berlin gebaut wurde.Das Haus am Friedrichswerder im ehemaligen Bankenviertel ist der bauliche Nachfolger der alten "Münze".Der Komplex wuchs kontinuierlich, bis er schließlich den gesamten Block ausfüllte.Die Geschichte der Reichsbank ist also auch die Geschichte der Auslöschung des Viertels. Zwar hatte es einen Architekturwettbewerb gegeben, an dem "Meister der Moderne" wie Mies van der Rohe und Hans Poelzig teilnahmen, doch entschied sich Hitler für eine Direktvergabe an den Reichsbankbaudirektor Heinrich Wolff, der außer Konkurrenz teilgenommen hatte. Im Jahr 1934 wurde die Grundsteinlegung gefeiert, drei Jahre dauerte es bis zum Richtfest, erst 1939 wurde das Gebäude von der Reichsbank bezogen.Das Gebäude markiert die Umbruchzeit der frühen dreißiger Jahre, denn sein enormes Volumen zeigt durchaus moderne Architekturelemente wie die horizontale Fensterteilung und einen relativ hohen Glasanteil an den Fassaden.Andererseits trägt es schon fast alle Elemente der Nazi-Architektur, wie die Anordnung der Räume um eine zentrale Achse oder der verschwenderische Einsatz von Natursteinoberflächen. In der Nachkriegszeit wurden viele Glasflächen zugemauert.Die Büros verkamen zu wahren "Zellen".Fast alle ehemaligen innenräumlichen Qualitäten aus dem Repertoire der modernen Formensprache waren dem Bau damit genommen.Das SED-Politbüro entschied sich überwiegend wohl aus pragmatischen Gründen für das Gebäude als seinen Sitz.Das Haus erfüllte die umfangreichen Sicherheitsbedürfnisse, die Lage im Zentrum der Macht und die Größe des Gebäudes ließen es geeignet erscheinen.An das architektonische Erbe wurden offensichtlich keine Gedanken verschwendet. Der Charakter des Hauses wandelte sich dramatisch: War die Reichsbank bei den Nazis noch als Gebäude mit repräsentativen Funktionen und Medienwirksamkeit konzipiert worden, nutzte die zweite deutsche Diktatur das Gebäude unter umgekehrten Vorzeichen.Niemand sollte wissen, was der andere tut.Das Gebäude koppelte sich nicht nur vollständig von seiner Umgebung ab, indem es zum Hochsicherheitstrakt wurde, von der Stasi bewacht und nur mit Passierschein zu betreten.Die Abkapselung vollzog sich auch innenräumlich, so daß sich die Mitarbeiter wie "Insassen" fühlten.Selbst der Honeckertrakt war verwanzt.Stattdessen wurde das benachbarte Staatsratsgebäude repräsentativ ausgestattet. Nach der Wiedervereinigung war ursprünglich der Abriß des Staatsratsgebäudes und ein Neubau für das Außenministerium vorgesehen.Der Umstand, daß das Gebäude 1990 als Haus der Parlamentarier genutzt wurde, in dem der Beitritt zur Bundesrepublik beschlossen wurde, bewirkte den Sinneswandel.Abgerissen wurde nur das ungeliebte Außenministerim der DDR, das Staatsratsgebäude bleibt erhalten, das Außenministerium soll die alte Reichsbank nutzen und einen davorgesetzten Neubau erhalten.Die Bundesregierung mußte sich, anders als im "unschuldigen Bonn", erstmals baulich mitten in der Stadt und zu ihren historisch nicht unbefleckten Gebäuden verhalten.Nur wie? Die Denkmalpflege wünschte sich eine möglichst ungestörte Vermittlung der Geschichte, aber die Politik spürte einerseits eine gewisse Angst vor dem Umgang mit ihr, wollte dabei andererseits Selbstbewußtsein demonstrieren. Weil die etwa 1000 Büros für die 2000 Mitarbeiter des Ministeriums nicht genügen und auch weil weitergehende städtebauliche Ziele verfolgt wurden, gab es 1996 einen Realisierungswettbewerb für den Neubau, in dem auch die Visastelle und eine Bibliothek Platz finden sollen.Die Jury unter Vorsitz von Josef Paul Kleihues verlieh an das junge Berliner Architektenduo Müller/Reimann lediglich den zweiten Preis.Nach der allgemeinen Empörung über die Härte des mit dem 1.Preis ausgezeichneten Entwurfs von Max Dudler - der auch das Verkehrsministerium plant - wurden aber Müller/Reimann mit der weiteren Bearbeitung beauftragt.Besonders einprägsam beim 2.Preis war ein perspektivischer Blick aus einem der drei vorgeschlagenen Höfe auf die Friedrichswerdersche Kirche.Diese Darstellung eroberte die Herzen.Leider war sie etwas geschummelt, denn anstelle der gähnenden Leere, die auf dem ehemaligen Bauplatz der Schinkelschen Bauakademie wohl noch eine ganze Weile klaffen wird, montierten Müller und Reimann einfach ein kleines Barockgebäude. Für die Renovierung des Altbaus hat man sich für den Berliner Architekten Hans Kollhoff entschieden, denn - so Florian Mausbauch, Chef der Bundesbaudirektion - "der hat keine Angst vor Gespenstern", sondern im Gegenteil ein Faible für die Architektur der dreißiger Jahre.Kollhoffs Konzept sieht eine "Dritte Schicht" mit sparsamen Mitteln vor.Er akzeptiert den Bestand, ist von seiner Qualität sogar beeindruckt."Die Architektur ist zwar konservativ, aber städtebaulich richtiger als Mies", urteilt Kollhoff.Er will mit seinen Umbaumaßnahmen weder Gäste und Mitarbeiter abschrecken, noch eine "trügerische Heiterkeit" provozieren.Die modernen Elemente des Hauses sollen wieder zum Vorschein gebracht werden, beispielsweise die Glaswände der Flure - was besondere Schall- und Brandschutzprobleme mit sich bringt - und die Lichtdecke in der Halle.Einige Zimmer sollen inklusive der Möblierung erhalten werden. Ehrgeiz, die Straßenfassaden zu ändern, hat Kollhoff nicht entwickelt.Er setzt sich aber dafür ein, die schmalen Kämpfer an den Fenstern nachbauen zu lassen, um den langen Seitenfassaden ihre alte Eleganz zurückzugeben.Als einziges neues Element will Kollhoff monochrome Farbflächen, deren Lage, Proportion und Farbigkeit er zusammen mit dem Künstler Gerhard Merz entwickelt, an strategischen Stellen im Haus einführen.Kritiker bemängeln an dem Vorgehen, daß mit dem Umbau eine Verharmlosung des Gebäudes einhergehe, die Reichsbank schleichend "enthistorisiert" werde.Florian Mausbach gesteht diese Verharmlosung unumwunden ein - und steht dazu. Tatsächlich wirkt beispielsweise die Eingangshalle ohne den riesigen, in Travertin gehauenen Adler fast wie ein Interieur des italienischen Faschismus.Und den trennen eben Welten von der deutschen Nazi-Architektur, denn er brach durchaus nicht mit den ästhetischen Prinzipien der Moderne.Gerade deshalb schätzen Kunsthistoriker den Wert der Reichsbank besonders hoch ein, weil moderne Elemente noch deutlich zu spüren sind.Kritiker werfen Kollhoffs Konzept also vor, zwar ästhetisch, aber nicht denkmalpflegerisch gelungen zu sein.Was wird weshalb erhalten? Ist erhaltenswert, was handwerklich gut ist? Und wie soll so ein komplettes SED-Arbeitszimmer samt Möbeln anders wirken denn als "Giftschrank"? Behindern sich Denkmalpflege und Architekt gegenseitig bei der Beantwortung dieser Fragen, indem die Denkmalpflege sich auf die Konzepte der Architekten verläßt, der sich seinerseits durch die Auflagen der Denkmalpflege gebunden fühlt? Der Architekt reklamiert für sich die nuancierte Ausführung als Schlüssel zum richtigen Umgang, nicht ein allumfassendes Konzept.Das "Denkmal als Dokument" scheidet wohl bei jeder Art von neuer Nutzung aus. Ebenso schwer wie die denkmalpflegerischen Bedenken wiegen jedoch die städtebaulichen.Der Neubau wird den Blick auf die Hauptfassade dieses frühen Hauptwerks der NS-Architektur versperren, zumal die Straße zwischen den beiden Gebäuden für die Öffentlichkeit gesperrt wird und die Gebäude unterirdisch miteinander verbunden werden.Auch die Wegeverbindung über die Jungfernbrücke am Spreekanal wird von dem zukünftigen Außenministerium dauerhaft versperrt bleiben.

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