Kultur : Verweile doch

Frederik Hanssen sehnt sich nach der Kunstpause

Nimm Dir Zeit! Der Zettel, der an der Ampel beim Rathaus Friedenau klebt, sieht auf den ersten Blick aus wie eine dieser üblichen Suchanzeigen. Querformat, unten vielfach eingeschnitten. Nur dass auf den Streifen, die man sich abreißen soll, keine Telefonnummer steht, sondern: „Zwei Minuten“, „30 Sekunden“ oder „eine Viertelstunde“. Was für eine nette Aufforderung, sich mal wieder in der Kunst des Müßiggangs zu üben – und sei es nur für ein paar Augenblicke. Dank dem Menschenfreund, der uns daran erinnert, dass es ein Vergnügen sein kann, das Schnellschnell des Alltags zu durchbrechen! Sofort verlangsamt sich der Schritt auf dem Weg zum S-Bahnhof, die Ohren werden hellhörig, der Blick schweift umher, bemerkt überraschende Details in der vertrauten Nachbarschaft.

Nimm Dir Zeit! Auch auf der Rolltreppe: Einfach mal nicht gesenkten Kopfes hochdrängeln, mal rechts stehen bleiben, das Gefühl genießen, gefahren zu werden, mühelos hinaufzugleiten. Pausen, auch die kleinsten, machen den Kopf frei. Darum gibt es die Tradition, im Theater das Publikum zwischen den Akten hinaus ins Foyer zu lassen, im Idealfall sogar an die frische Luft vor dem Eingangsportal. Der Geist braucht Ruhepunkte, um Erlebtes, Gehörtes zu verarbeiten, der Besucher soll die Gelegenheit bekommen, sich mit anderen auszutauschen, ja auch zu streiten, Wertungen zu verteidigen. Wie oft schon hat man danach den zweiten Teil mit ganz anderen Augen gesehen. (Oder ist entflohen ...)

Leider ist die Theaterpause ja ganz und gar aus der Mode gekommen. Wo gibt es in Berlin noch ein Schauspiel, bei dem das Inszenierungsteam eine Unterbrechung gestattete? Selbst Puccinis „La Bohème“ wird in der Komischen Oper pausenlos gespielt. Wenn die Angst dahintersteckt, die Konzentration könnte nicht über die Pause hinweg halten, spricht das nicht gerade für die Macher. Am Ende wird die Menge dann einfach aus dem Saal ausgespuckt: Wir haben fertig – nun seht zu, wie ihr damit zurechtkommt. Im Maxim-Gorki-Theater täuschen sie jetzt bei den „Räubern“ eine Pause an – und dann knallt und zischt es, fliegen die Fetzen auf der Bühne, und man setzt sich brav wieder hin.

Vielleicht plant der menschenfreundliche Zeitgenosse ja bereits, zum Start der Kultursaison seine These auch an die hauptstädtischen Theatertüren zu nageln: Liebe Regisseure: Gebt uns Zeit! Nur 20 Minuten.

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