Kultur : Verwundete Vögel

Kirchentags-Echo: Inbal spielt Bruckner und Ruzicka mit dem BSO im Konzerthaus, das Ensemble Modern zeigt sich flexibel

Sybill Mahlke

Vor Beginn ein paar Stücke vom Credo als Ansingprobe, in der Pause das Confiteor – so genießt der Besucher des Konzerthauses das Umhülltsein mit dem Open-Air-Bach der Gächinger Kantorei auf dem Gendarmenmarkt. Kirchentag, der umsichtige Hellmuth Rilling, Atmosphäre, Menschenfülle, Genügsamkeit.

Drinnen widmet sich das Berliner Sinfonie-Orchester einem Meisterwerk, dessen Kontrapunktik der h-Moll-Messe kompositionstechnisch nahe, ihr aber zugleich unter dem Flammenschwert seiner romantischen Expressivität meilenfern ist. Eliahu Inbal dirigiert die Fünfte Bruckners, ein Schlüsselwerk im Leben des epochalen Bruckner-Dirigenten Günter Wand. Warum dieser Hinweis? Weil sich beim Hören die Erinnerung aufdrängt, dass es Bernd Alois Zimmermann war, der Außenseiter und Repräsentant der Neuen Musik, der dem ehemaligen Kölner Gürzenich-Kapellmeister gerade diese Partitur ans Herz gelegt haben soll.

Inbal ist durch die Wiener Schule und die Symphonik Mahlers gegangen, bevor er zu einer derart zerklüfteten Interpretation der Bruckner-Symphonie kommen konnte. Die Generalpause ist ein wesentliches Element seines Konzepts wie das gestochene Pizzikato. Das Buchstabieren gibt Längen frei. Wie sich aber die Doppelfuge des Finales plastisch auftürmt, ist Sinngebung aus moderner Sicht.

Eine Uraufführung von Peter Ruzicka zeigt eher die Neigung, einen Schritt zurück zu tun. Ungewöhnlich für den Komponisten ist der Strom einer unendlichen Melodie, starkes Unisono der Streicher. Wer indes „Affluence“ für großes Orchester als Erinnerungsstück begreift, der wird dem Gesang durch Räume der Verdichtung und Klanginstallationen mit Neugier folgen.

Ein kleines Festival mit dem namhaftesten deutschen Neue-Musik-Ensemble war in dieser Woche zu hören. Die meisten Besucher lockte die erste Veranstaltung im Konzerthaus. Kein Wunder, stand doch Minimal Music auf dem Programm. In „Drumming“, einem frühen Klassiker von Steve Reich, bauen vier Trommler ein Rhythmusmuster langsam auf, durchlöchern und verdichten es unablässig. Durch feinste Beschleunigung des Tempos eines Spielers verschieben sich die Schläge unmerklich, sie fransen gewissermaßen an den Rändern aus und finden dann langsam wieder zusammen – eine Konzentrations- und Wahrnehmungsübung für Hörer und Spieler. Im folgenden „Music for 8 Musicians“ geht es klanglich ungleich opulenter zu, wohlklingende Akkorde werden rhythmisch aufgefächert. Ein Sahnestück mit Hang zum Meditativen, die Fans jubeln.

Ganz anders die Konzerte in der Philharmonie, die unter dem Motto „Geistliche Musik der Gegenwart“ im Rahmen des Kirchentages stattfanden. Die „Vier Hymnen“ Alfred Schnittkes überzeugten in ihrer knarzig-trockenen Textur. Die klein besetzten Stücke um ein zentrales Cello (von Michael Kasper feinfühlig geführt) schaffen in ihrer Strenge und dem behutsamen Einsatz von historisierenden Elementen eine Aura der Kontemplation. „Exil“ des georgischen Komponisten Gija Kantscheli wäre mit seinen kitschigen Schönklängen dagegen kaum auszuhalten gewesen, hätte nicht Maacha Deubner den Sopranpart so fabelhaft gesungen.

Das letzte Konzert eröffnete mit Sofia Gubaidulinas Streichtrio, einem von konzentrierter Gestik geprägtem Stück. Dieter Schnebels „Glossolalien“ von 1961, von den Maulwerkern brillant dargeboten, hat von seiner ergreifenden Frische nichts eingebüßt. Der Bezug beider Stücke zum Konzertmotto „Geistliche Musik“ blieb aber rätselhaft. Avo Pärts „Pari Intervallo“ klang da ungleich feierlicher, und Christóbal Halffters stellenweise ergreifendes Cellosolo „Klagelied eines verwundeten Vogels“ lässt sich mit Mühe noch religiös deuten. Einen klaren Bezug zum Thema hatte dagegen Bernd Alois Zimmermanns Kantate „Omnia tempus habent“, die sich als Höhepunkt des Abends erwies. Das Werk bestach durch Konzentration, Transparenz und feinfühlige Klanggebung. Der extrem schwere Gesangspart bot der phantastischen Maacha Deubner noch einmal Gelegenheit, sich in die Herzen der Zuhörer zu singen.

Auch wenn der Programmhefttext bemüht war, die arbiträre Werkauswahl konzeptionell zu deuten, wurde vor allem eines deutlich: der Mangel an guter neuer geistlicher Musik. Ulrich Pollmann

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