Kultur : "Verzeihung, ich lebe": Adas Gesang

Frank Noack

Man muss sich frühzeitig für Karten anstellen, wenn im großen Saal der Urania NS-Propagandafilme wie "Triumph des Willens" oder "Jud Süß" gezeigt werden. Zur Vorführung von "Verzeihung, ich lebe", dem Porträt von vier Holocaust-Überlebenden mit anschließendem Podiumsgespräch, sind dagegen selbst im kleinen Urania-Saal nur drei Viertel der Plätze belegt. Und das, obwohl mit Ada Nojfeld eine Auschwitz-Überlebende aus Israel angereist ist. Besteht schon wieder Desinteresse an dem Thema? Es gibt in der Tat zu denken, dass Frau Nojfelds Flugticket von der israelischen Botschaft finanziert werden musste, weil sich kein deutscher Sponsor fand. Andererseits räumt der Diskussionsleiter Christian Ziewer ein, dass die Machart der meisten Holocaust-Dokumentationen zu wünschen übrig ließe. Die polnischen Dokumentaristen Andrzej Klamt und Marek Pelc haben deshalb auch bei "Verzeihung, ich lebe", der gestern von der Jury der Evangelischen Filmarbeit zum "Film des Monats" gekürt wurde, auf das abgenutzte Bildmaterial verzichtet und die vier Überlebenden nur in ihrem heutigen Umfeld gefilmt.

Über 2400 Privatfotos jüdischer Einwohner der polnischen Kleinstadt Bedzin sind 1945 in Auschwitz gefunden worden. Klamt und Pelc haben versucht, die abgebildeten Personen zu identifizieren und, falls sie nicht ermordet wurden, ausfindig zu machen. Es ging den beiden Dokumentaristen darum, die Bilder zum Sprechen zu bringen. Dazu mussten sie, so schwer es ihnen fiel, unter den Überlebenden eine Auswahl treffen. Eine Frau war nicht bereit, vor der Kamera auszusagen, und eine andere erzählte zu umständlich. Sogar die vier Überlebenden, die der Film porträtiert, verstummen bei bestimmten Themen, etwa der Begegnung mit dem KZ-Arzt Mengele.

Auschwitz überlebt zu haben, ist in jedem Fall ein Wunder, doch Ada Nojfeld muss noch unter den Ausnahmen als Ausnahme gelten. Sie hatte sich einen kleinen Sabotageakt erlaubt und Material vorsätzlich falsch sortiert. "Ich dachte, ich muss doch etwas machen und nicht immer so passiv sein", erklärt sie dem Publikum. Der Kapo schützte sie. Ihm gefiel Adas Gesang. Dass sie fließend deutsch sprach, tat ein Übriges. Als sie ihre Liebe zur deutschen Kultur und ihr Vertrauen in das heutige Deutschland betont, wirft ihr ein junger Besucher Blauäugigkeit vor. Auch ihr trockener Witz wird nicht von allen verstanden. Wann es in ihrem Leben wieder Normalität gegeben habe, will jemand wissen. "Ich bin bis zum heutigen Tag nicht normal", lacht sie. Kaum einer im Publikum wagt mitzulachen.

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