Kultur : Verzweifelt gesucht: Ulrike: Schlaflose Nächte oder schlimme Träume

Wer psychisch extrem belastet ist, braucht fachkundige Betreuung. Das gilt für Entführungsopfer genauso wie für Opfer von Verkehrsunfällen. Das gilt aber auch für Angehörige, wie beispielsweise die Eltern von Ulrike. Generell, sagt der Psychotraumatologe Christian Lüdke, besteht die Gefahr des Kontrollverlustes bei den Betroffenen. "Die Situation für sie ist bedrohlich, sie haben die Hoffnung auf ein gutes Ende und gleichzeitig die Angst, das Schlimmste könnte eingetreten sein. Solche Situationen können zu einem Trauma führen."

Lüdke arbeitet am Deutschen Institut für Psychotraumatologie in Köln und leitet dort die Abteilung für Notfallpsychologie und Akutintervention. Aus seiner fernen Sicht können die entsprechenden Experten vor Ort in Brandenburg nur eines tun: den labilen Zustand der Eltern stabilisieren. Aktivität, auch der Entschluss der Eltern, in die Öffentlichkeit zu gehen, sei dabei hilfreich. "Für die Eltern ist es jetzt das Schlimmste, stillzusitzen. Das geht gar nicht", weiß Lüdke.

Spezielle Kenntnis nötig

Über mögliche Folgeschäden für Vater und Mutter kann man zurzeit nur spekulieren. Deshalb ist es aus Sicht des Traumatologen wichtig, dass die richtigen Leute sich um sie kümmern. Lüdke zählt verschiedene Studien auf, die belegen, dass in solchen schwierigen Fällen herkömmliche Behandlungsverfahren "mindestens ineffektiv" seien oder "gar schaden können". Lüdke: "Man muss schon spezielle Kenntnis über Traumaopfer haben, um richtig zu behandeln."

Lüdke bietet vernetzt mit dem Deutschen Institut für Psychotraumatologie und anderen Kollegen seit geraumer Zeit auch über das Projekt "Human protect" Hilfe an. "Human protect" ist ein Internetportal, das bundesweit Spezialisten zusammenschließt. Das Portal ist entstanden aus einem Projekt zur Behandlung von Opfern eines Banküberfalls. Dabei stellten die Experten fest, dass die Opfer bei sehr schneller Hilfe gar nicht erst krank werden oder sich Langzeitfolgen bemerkbar machen. Später, erzählt Christian Lüdke, habe man von verschiedenen Seiten Anfragen bekommen, stets ging es um dieselben Symptome: Erst kommt die Schockphase, dann beginnen die Schlafstörungen, die Opfer haben schlimme Träume. Wenn die Menschen in dieser Zeit nicht behandelt werden, kann es schließlich zu Langzeitwirkungen kommen. "Die Menschen verfallen verschiedenen Süchten, sie beginnen zum Beispiel zu trinken. Starke Veränderungen der Persönlichkeit sind weitere Gefahren", erklärt Lüdke.

Jeder reagiert anders

Zusammen mit den Verwaltungsberufsgenossenschaften und den Berufsgenossenschaften hat man sich deshalb zusammengetan und "Human protect" ins Leben gerufen. In den nächsten zwei Monaten ist die Gründung einer GmbH geplant. Das wichtigste Ziel ist neben der schnellen Patientenbetreuung das Sammeln von wissenschaftlichen Erkenntnissen der Akutintervention, um die Schwerbetroffenen möglichst früh zu erkennen. "Denn jedes Opfer reagiert anders. Es gibt durchaus Menschen, die von ihrer Persönlichkeit und ihrer körperlichen Verfassung so stark sind, dass sie ihre traumatischen Erlebnisse selbst verarbeiten können. Andere können das aber nicht", sagt Lüdke. ale

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