Kultur : Verzweifelt gesucht: Ulrike: Sie finden keinen Grund

Claus-Dieter Steyer

Die große Landkarte der "Sonderkommission Ulrike" im Eberswalder Polizeipräsidium erhält immer mehr farbige Punkte, Linien, Schraffierungen, Kreise und Pfeile. Demnach müsste in dem Gebiet zwischen Eberswalde und Bernau - etwa 20 bis 60 Kilometer nordöstlich Berlins - beinahe jeder Zentimeter während der Fahndung nach dem seit dem 22. Februar vermissten Mädchen abgesucht sein. Mancher Flecken in dem 50 Quadratkilometer großen Terrain ist sogar mehrmals durchkämmt worden, wie besonders starke Schraffierungen auf der Karte zeigen. Die erst am Dienstag weitgehend getaute Schneedecke könnte möglicherweise so manche Spur versteckt haben. Nun werden die Wälder noch einmal unter die Lupe genommen. Doch obwohl seit fast zwei Wochen täglich mindestens 500 Polizisten nach der 12-jährigen Ulrike Brandt suchen, gibt es nach wie vor keinen Hinweis auf sie und ihren mutmaßlichen Entführer.

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Nun wird auch in der Hauptstadt gesucht

Die Variante der Polizei

Die Sonderkommission will dennoch die Großfahndung in dem Gebiet nicht abbrechen. "Was bleibt uns denn anderes übrig?", fragt Polizeisprecher Burkhard Heise. "Wo sollen wir denn sonst nach einer Spur suchen?" Noch immer sei völlig unbekannt, was in den Stunden zwischen 15.30 Uhr und 21 Uhr an diesem bewussten Februartag rechts oder links der schmalen und vorwiegend nur Einheimischen bekannten Waldstraße zwischen Eberswalde und Bernau passiert ist. Mit dem eingegrenzten Zeitraum erklärt die Polizei bisher ihre Variante der Tat: "Ein bislang unbekannter junger Mann hat die auf einem Fahrrad sitzende Ulrike im Eberswalder Ortsteil Finow mit einem zuvor in Strausberg gestohlenen VW Golf angefahren, sie in Panik ins Auto verschleppt und den Pkw rund fünf Stunden später bei Bernau angezündet", sagt Polizeidirektor Wolfgang Becker. Er müsse sich also längere Zeit im Gebiet zwischen beiden Orten aufgehalten haben. Möglicherweise hat er sich nach dem Abfackeln des Autos allein oder mit Ulrike aus dem Staub gemacht. Doch dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Auch ein Diebstahl eines weiteren Pkw wurde nicht gemeldet.

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Das Suchgebiet

So füllen die Suchmannschaften täglich große Säcke mit Zigarettenkippen, Taschentüchern, Stoffresten, Kugelschreibern, Armbanduhren und anderen Utensilien. Alles wandert in Labore. Bisher erfüllte sich die Hoffnung auf eine brauchbare Spur nicht. So konnten Psychologen noch nicht einmal ein aus vergleichbaren Fällen bekanntes Täterprofil erarbeiten. Niemand weiß, wie der junge Mann zwischen 18 und 30 Jahren aussieht. In den Straßen von Finow hängen an Tankstellen, Läden und Laternen zwei Phantombilder. Auf dem einen trägt der Gesuchte kurzes, auf dem anderen langes Haar. Zeugen widersprachen sich. Ein Anwohner sah den Mann aus rund 100 Meter Entfernung, nachdem er Schreie wahrgenommen hatte. Die andere Beschreibung stammt von einem Ehepaar, das die gesuchte Person aus dem Auto heraus bemerkte.

Der tägliche Einsatz der aus vielen Bundesländern kommenden Polizisten richtet sich vor allem nach zwei großen Paketen. Das eine enthält die rund 950 Hinweise aus der Bevölkerung auf den möglichen Aufenthaltsort von Ulrike oder den gesuchten jungen Mann. Den anderen Stapel füllen die Luftaufnahmen der Tornado-Jets der Bundeswehr. Jedem auch noch so kleinen Hinweis geht der aus 15 bis 25 Spezialisten bestehende Führungsstab der Sonderkommission nach. Das erklärt das häufige Sirenengeheul und die vielen mit Blaulicht durch die Straßen rasenden Polizeiwagen.

Oftmals Fehlalarm

Hört man Sirenen, dann war wieder ein Hinweis als Erfolg versprechend eingestuft und eine Hundertschaft in Marsch gesetzt worden. So wurden zwei Tage lang der ehemalige russische Militärflughafen Werneuchen und eine aufgegebene Abdeckerei in Rüdnitz durchsucht. Auch andere Tipps erwiesen sich als Fehlalarm. Besonders ärgerlich aus Sicht der Ermittler sind Trittbrettfahrer. Sie melden sich entweder bei der Polizei oder sogar bei den Eltern des Mädchen als angebliche Entführer oder verlangen für ihre Tipps Anteile von der inzwischen auf mehrere Zehntausend Mark angestiegenen Belohnung für sachdienliche Hinweise. Drei Männer aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern konnte die Polizei am Wochenanfang in Erkner festnehmen, die sich als Entführer ausgegeben und ein Lösegeld verlangt hatten.

Viel Hoffnung setzten die Ermittler in die Luftaufnahmen der Bundeswehr-Tornados. Deren Aufnahmen halten sämtliche Veränderungen am Erdboden fest. Jede Wärmequelle, jede Grabung und jedes Ablegen von abgerissenen oder abgeschnittenen Zweigen wird als auffälliger Punkt auf den Fotos vermerkt. Zu jedem einzelnen der rund vier Dutzend Verdachtsfälle des zweimaligen Tornado-Einsatzes haben sich die Polizisten durchgeschlagen. Doch sie stießen nur auf tote Tiere, eine Feuerstelle eines Jägers, verrostete Getränkedosen oder Fuchsbaue. Die lange Konzentration der Suche auf das vorrangig aus Wäldern bestehende Gebiet südlich von Eberswalde erklärt sich aus vielen verlassenen ober- und unterirdischen Bauten. Die teilweise über 70 Jahre alten Militäranlagen - von der Radarstation über ein Munitionslager bis zur Soldatenbäckerei - könnten sich als ideales Versteck eignen. Doch inzwischen ist auch hier nahezu jeder Quadratmeter durchkämmt worden. Selbst alte Klärbecken wurden abgepumpt.

Mit dem Tauwetter bereiten sich Taucher auf ihren Einsatz in den mitten in den Wäldern gelegenen Seen vor. Doch noch spricht in der Polizeiführung niemand vom nicht mehr auszuschließenden Verbrechen an dem 12-jährigen Mädchen. "Wir tun alles, um das Schicksal der vermissten Ulrike aufzuklären", sagte Brandenburgs Innenminister Schönbohm (CDU) nach seinem Besuch in Eberswalde. Offensichtlich will sich niemand in der Sonderkommission den Vorwurf machen lassen, es sei nicht bis zuletzt und nicht intensiv genug nach Spuren gesucht worden. So lange wird der Großeinsatz der Polizei fortgeführt. Die Landkarte der Sonderkommission widerspiegelt das mit ihren frischen Farben jeden Tag neu.

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