Kultur : Vetter der Klamotte

Komische Oper Berlin: Brittens „Albert Herring“

Ulrich Amling

Was für einen Aufwand die Komische Oper treibt, um eine kleine Geschichte von Scheinmoral auf ihre Bühne zu stellen: Der Ausstatter, Wolfgang Gussmann, schwelgt in einem Sammelbildchen-England und baut eine gewaltige, rotierende Konzertmuschel auf, den obligatorischen gesellschaftlichen Mittelpunkt eines jeden britischen Seebads. Die Farben kreischen wie die hysterischen Mädels des imaginären Städtchens Loxford, Haarteile türmen sich in den königlich blauen Himmel, bunte Bowle strömt – das Ganze: eine Ausstattungsorgie.

Benjamin Britten wollte mit seiner 1947 entstandenen Komischen Oper „Albert Herring“ sein Generalthema vom unterdrückten Außenseiter auf ironische Weise präsentieren und es möglichst vielen Menschen zeigen. So schuf er für seine English Opera Group ein fliegendes Musiktheater mit kleinem Orchester. Denn Britten und sein Librettist Eric Crozier verlegten die Charakterisierung ihres Personals ganz in den Text und die Musik. Ein ambulantes, smartes Stückchen Musiktheater, dessen Charme auch ungemütlich werden kann.

An ein großes Haus verpflanzt, wird daraus schnell eine etwas ältliche Buttercremetorte. Unbegreiflich, was Willy Decker, den sanften, einfühlsamen Regisseur, so an die Oberfläche getrieben hat. Er bescheidet sich damit, „Albert Herring“ als grellen Fifties-Aufmarsch zu arrangieren, als Defilee der Pappkameraden von gestern. Dabei könnte die Grundkonstellation heute noch interessant sein: Ein selbst ernannter Tugendapostel unterwirft sich im Namen der Moral und mit Hilfe von viel Geld die geistliche wie staatliche Macht - und feiert seinen Sieg über das Leben mit etwas zu viel Alkohol. So könnte es gehen, davon hat man schon mal gehört.

Doch um überhaupt etwas zu sagen, müsste man erst einmal verstehen können, was auf der Bühne eigentlich verhandelt wird. Die Textverständlichkeit des Ensembles straft die Bemühungen der Komischen Oper um ein lebendiges Musiktheater Lügen. Jeder schrillt für sich allein, unerhört, unerkannt. Das liegt vor allem daran, dass Dirigent Jin Wang ausgerechnet den schlanken „Herring“ als große Opernpartitur interpretieren will, und dabei Sinn und Leichtigkeit für den durchweg parodistischen Tonfall des Stücks einbüßt. Die Formel, nach der Britten mit pointiertem Einsatz von Wort und Musik scharf umrissene Menschen formte, vermag Wang für seine Sänger nicht zu entschlüsseln. So trippeln sie untot um die Musikmuschel herum, auf der Suche nach einem Ton, der ihnen Leben einhauchen könnte. Mit diesem „Albert Herring“ empfiehlt sich der Opernapparat als Vetter der Klamotte. Ernüchternd.

Wieder am 11./16./20. und 28. März, sowie am 4. und 17. April

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