Vicco von Bülow : Neues vom späten Loriot

Heute wäre Loriot 90 Jahre alt geworden. Zum Geburtstag sind neue Bücher und unbekannte Zeichnungen erschienen - einige entstanden bei Lampenschein und zunehmender Schlaflosigkeit.

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Foto: Diogenes Verlag
Nachtschatten. Loriot hat sich 2009 nebst Mops auch selbst porträtiert.

Welch ein Spätwerk! Als der große Vicco von Bülow alias kürzer Loriot im zarten Alter von 87 Jahren das Zeitliche segnete, war er längst unsterblich geworden. Aber erst jetzt, da er heute seinen 90. Geburtstag hätte feiern können, sieht die Nachwelt mit wehmütiger Heiterkeit: Der Meister war produktiv und zu witzigen Überraschungen fähig bis fast zum leiblichen Ende.

Susanne von Bülow, eine der beiden Töchter Loriots, hat zusammen mit Peter Geyer und OA Krimmel den Prachtband „Loriot. Spätlese“ herausgegeben (Diogenes Verlag, Zürich, 374 Seiten, 39,90 €). Der Titel meint weniger Loriots einschlägigen Weingeschmack als vielmehr gut 400 bisher unveröffentlichte Zeichnungen. Manches beweist dabei wieder, warum Loriot auch als einer der satirischen Seismographen der deutschen Nachkriegsgeschichte gilt.

Das sittliche Empfinden der Adenauerrepublik

Außer für den „Stern“ hatte er in den ’50er Jahren vor allem für die Magazine „Quick“ und „Weltbild“ seine Cartoons entworfen. Doch beispielsweise seine Serie „Der gestrenge Chef“ wurde 1953 von der „Weltbild“ Redaktion, der sie nicht ins eigene Bild passte, zurückgewiesen. Im ersten Moment wirken die Zeichnungen mit dem mittelgescheitelten Firmenboss im Bratenrock und Stehkragen noch ganz harmlos. Selbst in Zeiten, als Frauen noch ihren Ehemann um eine aushäusige Arbeitserlaubnis bitten mussten.

Einmal schaut der Chef auf einer kleinen Klappleiter über die Kabinentüren des Herren- und Damenklos und ruft „Tischzeit beendet...“ Hat solch biedere Ausspähung tatsächlich das sittliche Empfinden der Adenauerrepublik verletzt? Loriot lässt seinen Meckermann auch eine Sekretärin mitsamt ihrer Schreibmaschine in die Knie gehen und vor ihm wie ein Kaninchen hüpfen: „Ich werde Ihnen schon Pünktlichkeit beibringen, Fräulein!“

Das erinnert dann schon an militärischen Drill und andere Schikanen aus damals nicht so lange vergangenen Zeiten. Und auf einem weiteren Cartoon sind die älteren männlichen Bürohengste, durch ein Fenster vom Chef beobachtet, alle über ihre Schreibsachen wie zur Strafarbeit gebeugt, während eine weibliche Angestellte im adretten Kostüm neben ihnen auf einem Schemel steht, gesenkten Blicks und mit einer Tafel um den Hals: „Ich bin die Wochen-Faulste“. Das freilich weckt auch ganz andere Assoziationen: Erinnerungen daran, wie in der Nazizeit jüdischen Frauen (und Männern) Schandtafeln umgehängt wurden. Plötzlich trifft der Humorist einen tieferen Nerv – und prompt war Schluss mit lustig.

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