Kultur : Video-Animation: Wer fühlen will, muss sehen

Philipp Lichterbeck

Die Wahrnehmung im Club des 21. Jahrhunderts verändert sich: Ganz offenbar reicht der Reiz der Musik nicht mehr aus. Dem DJ zur Seite gesellt sich der Videojockey, kurz VJ, der eine kleine Welt visueller Kurzweil schafft. Sie dient wie der Fernseher dem Sich-in-Stimmung-versetzen. Der Club wird umgestaltet zur Wohnung für den Clubgänger, der im dunklen Lärm so zu Hause ist wie in den eigenen vier Wänden. Bildschirme funktionieren als Lichtquellen und als Dekoration, im besten Fall fusionieren sie mit der Musik zu einem Gesamtkunstwerk aus Takt, Ton und Licht. Die Männer von Visomat Inc. haben diesen Anspruch. Sie zählen zu den Vorreitern der "clubgestützten Videokunst", wie sie selbst ihre Arbeit bezeichnen.

In einem ausgedehnten Fabriketagenbüro in Mitte flimmern unzählige Powerbooks still vor sich hin, Rechner brummen, Bildschirmwände leuchten düster, aufgeschraubte Mini-Fernseher liegen zur Sezierung bereit, Scanner warten auf Fütterung. Die Luft ist aufgeladen mit Schöpferdrang, Worte haben hier nichts verloren, der Raum ist für die Bilder da. Im WMF haben die Visomaten ein Videomischpult samt dazugehöriger Monitore installiert, die auch von anderen VJs genutzt werden. Als erste Diskothek in Deutschland hat das WMF damit die bewegten Bilder zu einem festen Bestandteil seines Programms gemacht. Ton und Bild sind dank Visomat hier nicht mehr einzeln denkbar. Der Wortführer des visuellen Quartetts, Gereon Schmitz, sagt, "unsere eigentliche Aufgabe ist es, eine Danceflooratmosphäre zu schaffen, dabei versuchen wir die Musikwelt in unserer Bilderwelt zu wiederholen". Die Visomaten bereiten sich auf ihre Auftritte gründlich vor. Sie hören sich die Musik, die gespielt wird, vorher an, entscheiden dann, was und wie sie es zeigen werden. Visomat machen Minimalkunst. "Fehler, Technik, urban", so umreißt Schmitz, die Themen. Damit unterscheiden sie sich bewusst von den Porno- und Atompilzorgien anderer VJs.

Ein grünes schmales Viereck schießt vor einem schwarzen Hintergrund auf den Betrachter zu, zuckt wieder zurück, dreht sich, schießt wieder vor. Fünfzig, hundert, tausend Mal. Auf einmal tauchen zerstückelte Rechenpläne auf, die von oben nach unten rasen, Zahlen, Zeichen, Konstanten. Ein Gittermuster kommt dazu, wird zu einer virtuellen Landschaft mit Hügeln und Tälern. Das wirkt steril und mechanisch - und passt perfekt zur Musik. Wenn sie sich verdichtet, verdichten sich die Bilderwelten, nimmt der DJ die Musik zurück, wird auch auf den Monitoren wieder virtueller Raum frei. Dabei gleicht das System der Visomaten dem der DJs. Sie machen Performance-Kunst, die in dem Moment schon wieder verschwunden ist, in dem sie entsteht. Schmitz und Michael Weinholzner, zweiter Mann im VJ-Kolletiv, stehen konzentriert an ihren "Plattentellern": Laptops, auf denen die Komponenten der Show gespeichert sind. Sie setzen sich aus Testbildern, Molekülmodellen, U-Bahn-Plänen oder selbst gedrehten Videos zusammen. An einem Mischpult schiebt Schmitz die Fragmente ineinander, lässt sie Schleifen drehen, überblendet und beschleunigt sie. Die Visomaten beobachten das Ergebnis auf zwei Riesenmonitoren, die über der Tanzfläche schweben. An so gut wie allen Wänden des WMF hängen weitere Bildschirme. Die Bilder dringen wie die Musik in jede Ecke. Doch sie drängen sich nicht auf. Eher bestechen sie das Auge, zwingen es zum Hinschauen, weil es nicht anders kann als auf die rasanten Bewegungen zu reagieren. Der Club in der Ziegelstraße setzt damit die generell stattfindende Reizattacke fort. In der U-Bahn laufen Fernseher, bei Karstadt wird VIVA ausgestrahlt, jedes Brillengeschäft geriert sich zur Elektro-Lounge. Da muss auch der Club als dekadente Welt im Kleinen reagieren.

Es begann vor zehn Jahren, als Schmitz im "Frisör", einer Bar in Mitte, einen alten Fernseher aufstellte, der die akustischen Signale aus dem Verstärker sichtbar machte. In Form eines kleinen ovalen Punktes, der über den Monitor tanzte, wurde die Musik sozusagen bildlich. Das Gerät, das Schmitz "Visomat" nannte, kam erst Ende der Neunziger mit dem Videojockey-Boom wieder zum Einsatz. Schmitz gründete mit Michael Weinholzner und Thorsten Oetken ein VJ-Kollektiv und taufte es nach seinem Apparat. Es sei ihnen darum gegangen, die Clubkultur voranzubringen, erklärt Schmitz. "Andere können den Club bunt machen. Uns interessiert er als Medium, um visuelle Konzepte zu verwirklichen." Zu den bemerkenswertesten Arbeiten von Visomat gehört die Überwachungswelt, die sie einmal im alten WMF in der Johannisstraße schufen. Die Visomaten installierten Kameras und Monitore, die aus dem Palast der Republik stammten.

So übertrug sich das Geschehen aus dem Club wieder in den Club hinein. Das WMF bespiegelte sich selbst. Jeder war Beobachter und Beobachteter, Spanner und Exhibitionist zugleich. Noch vor "Big Brother" konnte das als Kommentar auf die massive Ausbreitung von Kameras im öffentlichen und privaten Raum verstanden werden. Doch die Visomaten haben keine didaktischen Absichten. "Wir erzählen keine Geschichten, sondern produzieren Stimmungen", sagt Schmitz. Es gehe ums Tanzen, nicht um Autorenfilme.

Die Arbeit der Videojockeys war lange nur ein dekoratives Beiwerk der eigentlichen Stars, der DJs. Doch inzwischen haben sich die Lichtmenschen von den Schallmenschen emanzipiert. Bilder gelten mittlerweile als genauso wichtig für die Stimmung auf einer Party wie die Musik. "Ich habe schon erlebt, wie Leute stundenlang auf die Bildschirme gestarrt haben", sagt Weinholzner. Und nicht selten lassen sich die DJs beim Flow ihrer Musikauswahl von den VJs inspirieren. Doch trotz aller Ansprüche: Im Grunde ändern auch die Visomaten nichts am asozialen Charakter der Clubs. Die solchermaßen perfekt inszenierte Diskothek ist kein Ort öffentlichen Zusammenseins, sondern lediglich eine Spielstätte hunderter privater Einsamkeiten. Die Bilder von Visomat transzendieren die Musik nicht, sondern erzeugen wie diese unreflektierte Stimmungen. Sie helfen dem Cluber lediglich seine Spuren in der Menge zu verwischen.

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