Kultur : Viel Bein, viel Freud

SANDRA LUZINA

Eve Neeracher und Lucie Tesingerova sind Freundinnen; und von der Freundschaft, insbesondere der Frauenfreundschaft, handelt auch ihre erste gemeinsame Produktion unter dem Titel "Frauenzimmer", die jetzt in der Tanzfabrik zu sehen war.

Die Gastspielreihe "Tanz im Studio 1" bietet jungen Talenten Auftrittsmöglichkeiten.Über Mysterien und Merkwürdigkeiten von Frauenfreundschaften ließe sich viel erzählen.Zu Beginn kämmt und schneidet die blonde Schweizerin ihrer langmähnigen Freundin aus Prag erst einmal die Haare - als Ausdruck freundschaftlicher Verbundenheit dürfte dies unter Männern keine verbreitete Geste sein.

Ein Wiedersehen wird inszeniert.Ein Schwarz-Weiß-Film mit dem Charme der sechziger Jahre zeigt die Ankunft der beiden Nomadinnen am Bahnhof Zoo, viel Bein (lang und schön) ist zu sehen, viel Freude (echte!) zu spüren.Ein altmodisches Eisenbett dient fortan als Insel und als Nest.Da wird das von nun an geteilte Lager inspiziert, da wird ausgiebig auf der Matratze herumgeturnt und gehüpft.

Immer neue Anläufe werden unternommen, sich gemeinsam zu betten.Die wiedergefundenen Nähe wird auf spielerische und unverkrampfte Weise erkundet.Wenn die beiden sich mal in die Quere kommen, dann ist dies kein Drama.Die Beziehungslektion, die die beiden jungen Frauen vortanzen, ist erfrischend unkompliziert.Freundschaftliche Zweisamkeit erscheint weniger als Ruhekissen denn als turnerische Neu-Positionierung in Permanenz - daß das nicht Arbeit und Anstrengung sein muß, sondern ein lustvolles Herumexperimentieren, zeigt das Stück auch.

Die beiden Freundinnen schleppen nicht nur Koffer, sondern auch emotionales Gepäck mit sich herum.Die Solos, die Erinnerungen und Sehnsüchte zum Ausdruck bringen sollen, bleiben in ihrer Aussage etwas blaß.Als Duo mit festem Schuhwerk proben die Tänzerinnen gemeinsame Aufbrüche.Der Elan des Vorwärtspreschens wird bisweilen komisch gebremst.So sehr auch Eve Neeracher und Lucie Tesingerova einem physischen und energetischen Tanzstil anhängen - die Bewegung kommt nicht richtig in Fahrt, eine eigene Handschrift ist noch nicht zu erkennen.Doch die tänzerischen Freundschaftsbekundungen der beiden Girlies haben durchaus Charme und Witz.

Nach der Vorführung weiblicher Beziehungskultur ohne falsches Sentiment zeigt Jonna Huttunens "Three Pictures (Dance with me)" die unmögliche Nähe zwischen Mann und Frau.Das seelisch Verquälte, emotional Verkümmerte findet seinen Ausruck in körperlichen Verkrümmungen und heftigen Sturzsequenzen.Zu Tangomusik riskieren Angelika Wenzel und Gerhard Maaß auch einmal unbeholfene Annäherungsversuche.Umsonst - das Objekt der Begehrens ist auf der Flucht.Nicht mit und nicht ohne einander, lautet der traurige Befund.Den Kollisionen der beiden, die sich ansonsten immer verfehlen, fehlt es an dramtischer Wucht.Und wo das Stück unerbittlich sein möchte, wirkt es zäh.Im ganzen ist es also ein emotionales Wechselbad, dem der Zuschauer an diesem Abend aussetzt wird.

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