Kultur : Viel Feind, viel Ehr

KABARETT

Julian Hanich

Die vier Weisen aus dem schwarzen Land bringen Kunde von einer fremden Kultur. Sie reden in fremden Zungen – also in oberbayerischem Dialekt. Sie führen ihren Stammes-Stampftanz auf, den in Bayern weltbekannten Schuhplattler. Mit Inbrunst philosophieren sie über die Differenz zwischen Bierkrügen aus Stein und aus Glas. Und sie präsentieren ihre charakterologischen Prototypen: den Bierdimpfl, das Urviech und den tobenden Grantler (ein Menschenschlag gegen den die Berliner Taxifahrer wohlerzogene Jünglinge sind). Was die Herren Gerhard Polt sowie Hans, Michael und Stofferl Well im Berliner Ensemble präsentieren, ist ein Proseminar in Bavaristik von satirischer Power und selbstironischer Wucht.

Aus einem Tohuwabohu an Gitarren, Harfen, Dudelsäcken, Alphörnern, Querflöten ziehen die Brüder Well ihr Handwerkszeug und blasen als Biermösl Blosn dem Berliner Musikantenstadl den Marsch. Dazwischen liest der Bavaricus Polt dem Publikum die Leviten. Steht der eine auf, setzen sich die anderen. Und umgekehrt. Aus Klassikern wie „Toleranz“ (Polt) oder „Bist aa do?“ (Biermösl Blosn) haben die drei bayerischen Landmusikanten und ihr Drohfinger schwingender Kapellmeister ein Programm zusammengepuzzelt, das den Saal in fußtrampelnde Ekstase versetzt (noch einmal heute, 20 Uhr). Polt ist auf der Bühne ein Gigant. Er steht stumm da, das Trachtenjackett spannt sich über dem Bauch. Doch dann: Die eine Hand in der Hosentasche vergraben, die andere durch die Luft wirbelnd, beginnt er zu schwadronieren, lamentieren, philosophieren. Dabei bekommt es nicht nur das schöne Bayern eingeschenkt, sondern auch unsere kleine Hauptstadt. Aber eigentlich liegen die Probleme gar nicht in Bayern oder Berlin. Nein, die vier haben erkannt: „Unser Problem heutzutage ist doch – der Mensch!“ Damit dürften sie ziemlich richtig liegen.

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