Kultur : Viel Holz

CHRISTINA BERR

Der Mann mit der weißen Weste stolpert rückwärts ins Zimmer, würgt und kotzt auf den Boden.Dann zwingt er den Jungen im Schlafanzug alles wegzuwischen.Auf dem Sofa liegt ein Mädchen in eine Decke gekuschelt und schläft.

Englische Stücke sind in letzter Zeit "in" geworden - chic sozusagen - und nun hat das Theater "Fürst Oblomov" Philip Ridleys erstes Stück "Der Disney-Killer" von 1991 ausgegraben und in einer stark gekürzten Fassung auf die Bühne gebracht.Ob sich hinter der gelblichen Holztür die seit zehn Jahren toten Eltern - oder was von ihnen übrig geblieben ist - befinden, wird man nicht erfahren.Presley jedenfalls veweigert energisch den Zutritt, schweigt über die Todesursache und erbleicht, als Cosmo ihn auf den muffelnden Geruch anspricht.

Cosmo nennt sich der gebräunte Mann mit den strahlend weißen Zähnen, Cosmo Disney.Presley hat ihn hereingelassen gegen den Willen seiner Zwillingsschwester.Aber die schlief längst, als er wieder einmal aus dem Fenster starrte.Cosmo ist die Straße entlang gelaufen, Cosmo könnte der Disney-Killer sein, Cosmo ist Presleys Alptraum.Der Alptraum, der in sein Zimmer kotzte, jetzt in dem braunen Sessel hockt und mit so gierigem Blick auf die schlafende Schwester blickt.Marco Uhlmann streicht die Haarlocke zurück, geht mit Cowboy-Schritten um das Sofa und zerkaut genüßlich eine Kakerlake.

Der Regisseur Michael Peter hat Cosmo und seinen obskuren Begleiter Mistgabel zu Typen vereinfacht; aus dem Zwillingspärchen zwei Riesenbabys gemacht; die Radikalität des Stückes vielfach nur angedeutet.Die Wohnung, die für die Geschwister zu ihrer neuen Wirklichkeit geworden ist, die nur noch der Bruder zum Schokolade-Kaufen verläßt, ist ein von Henry Bode schwarz ausgekleideter Raum mit Sessel, Tisch und Sofa.Und mit dem Kühlschrank natürlich, der Schatzkammer, Tresor und Arzneischrank ist: Er enthält Medizin, Schnuller, Schokoherzen - Erinnerungsstücke an eine Zeit, in der Mami und Papi noch lebten.

Haley, von Katrin Heinau gespielt, strahlt, wenn sie vom Damals erzählt.Erst als Presley ihr vom Draußen erzählt, wird sie hysterisch, will ihn vom Fenster zerren, schreit.Da packt Presley (Ilja Hübner) sie am Genick, drückt ihr den Schnuller in den Mund und wartet, bis sie eingeschlafen ist.Ja, sie sind beide Kinder geblieben.Ein Leben in der Vergangenheit.Der Alptraum ist verschwunden, hat die Tür hinter sich zugeknallt.Presley holt eine Schachtel, nimmt eine Mickey-Maus-Puppe heraus und läuft im Zeitlupentempo zur Tür: War doch er der Disney-Killer? Vielleicht hat sich sein Alptraum getäuscht.Alles eine Frage der Vergangenheit.

Theater Fürst Oblomov, wieder heute sowie am Di und Mi, jeweils 20 Uhr

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