• "Viel Lärm um nichts": Der Höhepunkt in der Gartenlaube - Das Gorki- im Schiller-Theater Berlin

Kultur : "Viel Lärm um nichts": Der Höhepunkt in der Gartenlaube - Das Gorki- im Schiller-Theater Berlin

Günther Grack

Wo sind wir hier? Tatsächlich im Berliner Schiller-Theater? Oder womöglich auf der Freilichtbühne der Spandauer Zitadelle? Eine kreisrunde Pergola erhebt sich da in der Mitte des Schauplatzes, mit ihren tief herabhängenden, dicht belaubten Zweigen ein luftiges Versteck. Es verbirgt und enthüllt zugleich den jungen Edelmann, der in dem grünen Verlies anhören muss, was seine Freunde über ihn und eine gewisse junge Dame ausplaudern - wohl wissend, dass er ihnen lauscht. Beatrice, so vernimmt Benedick, sei in ihn verliebt, die Kratzbürste, berühmt für ihre männerfeindlichen Sprüche, habe sich bis über beide Augen in ihn vergafft, den Hagestolz, der seine Frauenverachtung gerade ihr gegenüber stets besonders ingrimmig bezeugt hat. Benedick glaubt, nicht recht zu hören, streckt in seiner Aufregung den Kopf zwischen den Zweigen hervor und verrät mit all dem Huschhusch den Freunden, die diskret wegschauen, dass sie ihr kupplerisches Ziel erreicht haben.

Die Szene ist dem englischen Regisseur Tim Supple und seiner Ausstatterin Melly Still hübsch gelungen, erfolgreich abgetrotzt den räumlichen Bedingungen, die auf der Hinterbühne des großen Hauses herrschen. "Viel Lärm um nichts" ist die nunmehr letzte Premiere, die das Maxim-Gorki-Theater, wegen Umbau geschlossen, in seinem Ausweichquartier an der Bismarckstraße herausgebracht hat - abermals unter Verzicht auf Vorderbühne und Zuschauerraum des Schiller-Theaters, will man doch die Aufführungen später ins Repertoire des Stammhauses übernehmen können.

Wieder einmal zeigt sich allerdings, dass manche Komödie Shakespeares heute schwerer zu inszenieren ist als seine Tragödien - "Der Kaufmann von Venedig" etwa kommt uns eher tragisch als komisch vor. Der Stoff, aus dem die Träume sind, mutet im Fall von "Viel Lärm um nichts" recht fremd an, nahezu alptraumhaft. Zwar soll da ein Pärchen, Benedick und Beatrice, vereint, ein anderes aber entzweit werden: Claudio muss seine Braut Hero als vermeintlich untreu erst verstoßen, ehe er sich mit der schon Totgeglaubten wieder versöhnen darf. Die märchenhafte Handlungsführung, die sich über psychologische Wahrscheinlichkeiten hinwegsetzt, sollte eine Inszenierung dazu herausfordern, die Härte dieser fernen Welt plakativ auszustellen, statt sie in Aquarellfarben zu vertuschen. Oliver Boysen und Eva Mende, in die Mode des frühen 20. Jahrhunderts gekleidet, erscheinen anfangs so zart und weich wie aus einem Tschechow-Stück - umso unglaubhafter wirkt, dass sie sich später wie Figuren einer Renaissance-Spieluhr verhalten müssen.

Das interessantere Paar ist freilich, eine alte Aufführungserfahrung, das der beiden Widerspenstigen: Harald Schrotts Benedick, sich bis zur Schweißnässe verausgabend, und Jacqueline Macaulays Beatrice, hochfahrend in Gestalt und Stimme. Gegenüber der aristokratischen Arroganz, die Rainer Wöss als Don Pedro in strahlender Helligkeit und Thomas Schmidt als dessen intriganter Halbbruder Don John in dunklem Kontrast zeigen, kehrt Marcus Mislin als Vater der Hero ein feines bürgerliches Selbstbewusstsein hervor. Ansonsten haut man kräftig-deftig auf den Putz: voran Wolfgang Hosfeld und Kristian Wanzl, Don Johns Gefolgsleute, und Heinz Kloss und Ulrich Anschütz, als Ordnungshüter im Dauerclinch mit der Jurisprudenz, deren Fremdwörter sie prompt verdrehen, wo immer Reinhard Palms neue Übersetzung es ihnen gestattet.

An Textverständlichkeit lässt die Inszenierung Tim Supples, Chef des Londoner Young Vic, allerdings zu wünschen übrig, eine Aufführung, die an allen mittleren Stadttheatern unserer Republik zwischen Ostseestrand und Alpenrand vorstellbar wäre. Für die künftige Amtszeit von Intendant Bernd Wilms am Deutschen Theater Berlin dagegen ist sie hoffentlich nicht repräsentativ.

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