Kultur : Viel Lärm um wenig

Wie offen soll zeitgenössische Musik sein? Beobachtungen bei den Donaueschinger Musiktagen

Mirko Weber

Kommt ein Mann auf die Bühne der Christuskirche in Donaueschingen und schlackert mit den Wangen. Bläht die Backen auf, haut sich drauf, lässt es klappern, als sei er gänzlich zahnlos. Pfeift durch die Sprechanlage auf dem letzten Loch. Fistelt und jault vor sich hin, mal piano und mal dauerforte, 16 Minuten lang – und man kann wirklich einmal sagen: geschlagene 16 Minuten lang. Jaap Blonks Stück heißt „Mundrundum“ und repräsentiert die Donaueschinger Musiktage, wie sie sich Otto Normalkulturverbraucher vorstellt: viel theoretisches Gewese um ein genau genommen mageres Ergebnis.

Bevor jetzt aber im Publikum zu häufig mit dem Kopf genickt wird, muss vielleicht noch schnell der Leiter der Donaueschinger Musiktage, Armin Köhler, den eigenen schütteln dürfen – darüber, dass die Leute immer „Meisterwerke“ hören wollen. „Meisterwerk“ ist ein Begriff, bei dem es Köhler graust, und er bekennt das beim Versuch einer Podiumsdiskussion über Sinn, Nutzen und Anspruch des mittlerweile auch schon 81 Jahre alten Festivals. Der Versuch geht im Übrigen vollends schief, weil keiner der Diskutanten nur einen Millimeter breit von seiner Betonmeinung abweicht.

„Musik und Sprache“ ist das übergeordnete Thema in Donaueschingen, ein weites Nebelfeld, und da tut sich leichter, wer Gedichte als Basis nutzt. Karin Rehnqvist widmet sich Nelly Sachs und lässt im Wechselspiel zwischen Lena Willmark und dem SWR-Vokalensemble unter Daniel Reuss Sterne suchen, teils dunkel und quasi-folkloristisch, teils hell schreiend, als ob Ingmar Bergman Regie führte. Die Sängerin indes reißt sich eine Seele heraus, die im Stück nur ansatzweise kenntlich wird.

Anderntags ist man dann wieder froh, am Abend zuvor ein Stück wie Franck Christoph Yeznikians „La ligne, la prim ’ombra, la perte“ gehört zu haben, das handwerklich sauber eine gläserne Klangglocke über einen Drei-Satz für kleines Orchester (SWR-Sinfonie unter Peter Rundel) stülpt: auch hier diverse Lyrik mit musikalischen Motivbezügen ans Mittelalter gekonnt verbunden, montierte Madrigale, leise Rätsel (von ferne auch Alban-Berg-Anklänge): Es geht sanft konventionell zu Herzen, was von Herzen kommt.

Um nicht missverstanden zu werden: Hier wird nicht der These das Wort geredet, früher sei alles besser gewesen. Aber sich erinnern wird man ja noch dürfen, an Konzerte mit Boulez und Xenakis, Lachenmann, Holliger und Carter. Auch da mochte man streiten – doch auf welchem Niveau! Es streitet neuerdings keiner mehr in Donaueschingen; vielmehr regiert der Unmutsausdruck viele Gesichter und verstärkt sich seltsamerweise, wenn wirklich einmal etwas Neues passiert – wie in der von Reinhard Kager organisierten Jazz-Nacht. Selbst die wenigen, die schon vertraut waren mit der Musik Wolfgang Mitterers, überraschte der Auftritt seiner Gruppe: Hier nämlich schließt sich ein Kreis, der mit der Elektrifizierung des Jazz Anfang der 70er Jahre begonnen hat. Die Mitterer Group kommuniziert mit Notebooks und Turntables, Schlagzeug und Gitarren auf eine Weise, die staunen macht, je länger einer dabei bleibt. „Radio Fractal/Beat Music“ sind zwei Sets à 45 Minuten, die exakt notiert werden und trotzdem jedem Musiker enorme Freiheit zur Improvisation lassen. So fallen Sounds und Patterns in die Komposition ein, von denen keiner der Beteiligten vorher etwas weiß, aber es ist keine berserkerhafte Bewältigung des Materials mehr wie in den Anfängen des Free Jazz, sondern ein allmähliches gemeinsames Kennenlernen neuer Klangfelder – jeder Schritt ein Abenteuer. Ausgerechnet an seinem oft vernachlässigten Rand also erfindet sich Donaueschingen 2002 neu. Das bereichert den Rand, isoliert ihn aber auch noch weiter.

Denn wer dann wieder in den Normalbetrieb zurückfindet, erkennt die Unterschiede zwischen dem relaxten Vorgehen Marke Mitterer und der vorherrschenden Angespanntheit von großen Teilen der Avantgarde umso deutlicher. Für Donaueschingen wäre es besser, der eine oder andere (Komponist, Veranstalter) käme wirklich mal vom hohen Ross herunter. Die gleiche Ebene ist immer eine bessere Gesprächssituation.

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