Kultur : Viel Leid aus vielen Kehlen

KLASSIK

Jens Hinrichsen

Wer geht für Jesus ins Kino? Hätte Frank Martin (1890-1974) das jüngste Machwerk aus Hollywood gesehen, ihm wäre wahrscheinlich die Lust vergangen, sein großes Passionsoratorium zu komponieren. Doch am Anfang seines „Golgotha“ stand eine „Kreuzigung“ von Rembrandt. Das dramatische Helldunkel der Radierung inspirierte den Schweizer im Jahr 1945 zu tief bewegender Musik. In der Philharmonie leitet Alois Koch die Stuttgarter Kantorei und die Berliner Symphoniker . Die vom Palmfest ausgehenden sieben Stationen der gewaltigen musikalischen Erzählung münden in den eher verhaltenen Klängen: Vor dunklem Grund tiefer Streicher vollzieht sich Christus’ Ende auf der Schädelstätte Golgotha. Neben atmosphärischen, an Debussy erinnernden Momenten beeindrucken die Symphoniker mit wild auffahrenden Orchesterfiguren, etwa in der heftigen Szene vor dem Hohen Rat aus dem Markus-Evangelium. Raffiniert überblendet der Komponist die darin geschilderte Verhöhnung Christi durch das Volk mit einem Meditationstext des Augustinus, der Jesus um Erlösung von Schuld bittet. Nicht nur hier überzeugt der Stuttgarter Chor mit sicherer Intonation und idiomatischer französischer Aussprache.

Im guten Solistenquintett brilliert vor allem Rolf Romei, während es dem Jesus-Darsteller Michel Brodard für „Die Streitrede im Tempel“ an Durchschlagskraft fehlt. Mitunter übertönt eine überpräsente Orgel das Orchester – aber die Raumklang-Möglichkeiten der Philharmonie entfalten sich berauschend, vor allem dank seitlich gestellter Extrachöre. Wer geht für Dolby Surround ins Kino?

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