• Viel Material, aber keine Biografie: Thomas Kunze über den rumänischen Staatschef Nicole Ceausescu

Kultur : Viel Material, aber keine Biografie: Thomas Kunze über den rumänischen Staatschef Nicole Ceausescu

Richard Wagner

Thomas Kunze beginnt seine Biografie mit einer Beschreibung der Hinrichtungsszene des Ehepaars Ceausescu Ende 1989. Es ist die im Westen wohl bekannteste Szene aus dem Leben der beiden Diktatoren. Und wahrscheinlich ist es auch schon das meiste, was die Menschen hier über das Phänomen Ceausescu wissen.

Kann man überhaupt eine Biografie über den rumänischen Diktator Ceausescu schreiben? Wohl kaum. Auch nach der Lektüre des Buches muss diese Einschätzung nicht revidiert werden. Rumänien ist immer das Land der Gerüchte gewesen, hinter denen die Realität nur vermutet werden kann. Früher, zu kommunistischen Zeiten, war es die Zensur, die das Erscheinen von Büchern verhinderte, die die Wahrheit über die rumänische Gesellschaft und die Geschichte hätten vermitteln können. Seit dem Ende der Diktatur sind es die zahllosen Publikationen, die die Situation noch undurchschaubarer machen.

Über einen Diktator reden zwar alle. Aber wer weiß schon wirklich etwas über ihn? Die kommunistische Diktatur hat das Privatleben ihrer Protagonisten konsequent abgeschirmt und so zum Geheimnis und zum Gegenstand von Gerüchten sowie Witzen gemacht. Eine wahre Ceausescu-Folklore hat das Regime überlebt. Aus ihr bedienen sich bis heute die Versuche, das untergegangene Regime zu beschreiben.

Thomas Kunze hat viel Material zusammengetragen, aber eine Biografie hat er nicht geschrieben. Er konnte gar keine schreiben, weil das Privatleben Ceausescus nur durch Zeitzeugen nachzuzeichnen ist und durch die Hinterlassenschaft der Medien. Die Zeitzeugen aber sind denkbar unseriös, handelt es sich bei ihnen doch oft um hochrangige Mitglieder der ehemaligen Nomenklatura, die bestrebt sind, den Herrscher zu dämonisieren, um sich selbst zu entlasten. Die Erzählungen der Mitglieder der Geheimpolizei "Securitate" haben ohnehin mehr den Charakter von unüberprüfbaren Anekdoten. Es ist, als würde man die Geschichte der katholischen Kirche aus den Verlautbarungen des Vatikan zusammensetzen wollen.

Ceausescu hat keinerlei persönliche Aufzeichnungen hinterlassen. Geboren 1918, entstammt er einem Milieu kleiner Bauern. Thomas Kunze geht chronologisch vor und versucht die Zeitumstände zu rekonstruieren und die Figur des Kindes und heranwachsenden Protagonisten dorthinein zu stellen. So wird sein Buch zu einem schnellen Gang durch die rumänische Vergangenheit seit dem Ende des ersten Weltkriegs und durch die Geschichte der erfolglosen kommunistischen Partei. Kunze versteht es, die Logik der rumänischen Entwicklung dem Leser zu veranschaulichen. Aber das ergibt noch keine Ceausescu-Biografie!

Zieht man dann noch die Schilderung der allgemeinen Lage ab, bleiben aus dem Leben des Jugendlichen und des jungen Mannes Ceausescu vielleicht vier bis fünf Seiten übrig. Selbst die enthalten zum Teil höchst fragwürdige Details. Gelungen sind die Stellen, in denen das Verhalten Ceausescus im Stalinismus als grauer Apparatschik und Opportunist beschrieben wird, der eher unauffällig der Siegerfraktion angehörte.

Kunze beschreibt Ceausescus Weg an die Macht und die Installation seiner Familiendiktatur, den byzantinischen Personenkult und die erschreckenden Begleiterscheinungen wie die Verelendung der Bevölkerung und die maßlose Repression. Aber die persönliche Beteiligung Ceausescus am Terror, seine Grausamkeit, die Menschenverachtung und Gesetzlosigkeit werden viel zu oft durch dubiose oder recht wacklige Quellen belegt. So wird das Privatleben des Diktatorenpaars in den 70er Jahren beschrieben, indem er sich auf die unseriösen Auskünfte des Geheimdienstmannes Ion Mihai Pacepa bezieht. Dessen Buch "Red Horizons", aus dem Kunze oft zitiert, ist ein höchst unzuverlässiges Produkt. Die meisten seiner Schilderungen, die vor allem die Primitivität der Ceausescus belegen sollen, sind niemals von anderen Quellen bestätigt worden.

Bei vielen Details beruft sich Kunze auf Joachim Siegerists Buch "Ceausescu. Der rote Vampir", auch das ein unseriöses Machwerk. Besonders leicht macht es sich Kunze, wenn der auf eine Art Anthologie rumänischer Denker zurückgreift. Der Autor zitiert daraus, um Ceausescus Ambitionen in den "Volkscharakter" einzubetten.

Nicolae Ceausescu war ein Produkt des kommunistischen Systems. In der kommunistischen Diktatur war die Karriere eines machtversessenen, ungebildeten Menschen möglich, eine Machtkonzentration, die die schrittweise Verwirklichung eines paranoiden Weltbildes in Gang setzte.

Nach dem Ende einer solchen Diktatur gibt es eine beliebte Frage: Wie war es möglich? Diese Frage, die vor allem rhetorisch gemeint ist, stellt eine seltsam wirkungsvolle Entlastung der Gesellschaft dar. Denn wenn das Böse einer Person angelastet werden kann, entfällt die Debatte über Mittäterschaft und Mitläufertum. Für die Rekonstruktion des Desasters und seiner Erklärung braucht es Zeit.Thomas Kunze: Nicole Ceausescu. Eine Biographie. Ch. Links Verlag, Berlin 2000. 464 Seiten. 48 DM.

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