Viel Nostalgie beim Comeback : David Bowie überrascht mit Online-Coup

Seit über 40 Jahren ist David Bowie für Überraschungen gut. Als Grenzgänger zwischen Pop, Rock und Avantgarde, als Stil-Ikone, als Meister der Selbstvermarktung. Dazu passt, dass sein neues Album urplötzlich im Netz erscheint. In den Songs regiert die Nostalgie.

Rockmusiker David Bowie bei seinem Auftritt in der Festhalle in Frankfurt am Main am 05.04.1990. Bowie (66) hat überraschend sein neues Album komplett online gestellt. Das Werk mit dem Titel «The Next Day» ist auf der Plattform iTunes verfügbar.
Rockmusiker David Bowie bei seinem Auftritt in der Festhalle in Frankfurt am Main am 05.04.1990. Bowie (66) hat überraschend sein...Foto: dpa

War es eine perfekte PR-Strategie, oder konnte David Bowie die von ihm selbst entfesselten Kräfte nicht mehr zügeln? Sein vor acht Wochen für den 8. März angekündigtes und seither weltweit mit Spannung erwartetes Album „The Next Day“ kam am Freitag quasi per Sturzgeburt zur Welt. Dass die 14 neuen Songs eines des einfluss- und erfolgreichsten Popkünstlers eine Woche vor Termin ganz offiziell über einen großen Internet-Musikanbieter zu hören sind, überrascht Millionen Fans - wieder mal.
Es passt zu dem britischen Sänger, der in seiner gut 40-jährigen Karriere stets zwischen Genres und Stilen hin und her gesprungen ist - auch auf die Gefahr, sich mit Experimentierwut und Unberechenbarkeit selbst zu schaden. In diesem Fall lässt sich aber vorhersagen, dass die lebende Legende Bowie mit dem Online-Coup - Veröffentlichung zunächst nur im Stream und ohne Download-Option - das Interesse am großen Comeback noch zusätzlich anheizen wird.
Was am 8. Januar, an Bowies 66. Geburtstag, mit der schönen Berlin-Ballade „Where Are We Now?“ samt Nostalgie-Video so unerwartet begann, dürfte in einen kommerziellen Triumph münden. Zu den bisher weit über 100 Millionen verkauften Tonträgern werden wohl noch etliche hinzukommen, auch im Internet-Zeitalter. Zumal „The Next Day“ ein gutes, streckenweise sogar herausragendes Album geworden ist.
Dass es schon beim Cover direkt auf Bowies Klassiker „Heroes“ von 1977 Bezug nimmt, ist wohl auch kein Zufall.

Thin White Duke: David Bowie
David Bowie 1976. Der britische Sänger lebte von 1976 bis 1978 in einer großen Altbauwohnung in Schöneberg.Alle Bilder anzeigen
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19.05.2014 12:08David Bowie 1976. Der britische Sänger lebte von 1976 bis 1978 in einer großen Altbauwohnung in Schöneberg.

Dabei hatte man Bowie irgendwie abgeschrieben, bevor er Anfang des Jahres mit ebenjenem vierminütigen Paukenschlag von Berlin-Song zurückkehrte. Dann und wann wieder war er zuvor mit Einkaufstüten in seiner Wahlheimat New York gesichtet worden, er soll nach einem Herzinfarkt immer noch recht kränklich sein, musikalisch hatte man seit dem wenig beeindruckenden Album „Reality“ (2003) nichts Neues mehr von ihm gehört. Dass Bowie auch in den 90er Jahren kaum Sensationelles zur zeitgenössischen Popmusik beizutragen hatte, ging im Hype um den neuen Song und das angekündigte Album etwas unter.
Die erste bange Frage vieler Bowie-Fans lässt sich schnell beantworten: Ja, der Meister ist gut bei Stimme. „Where Are We Now?“ hatte ihn noch etwas zittrig klingen lassen - aber das war wohl der tiefen Melancholie dieses Liedes geschuldet, in dem Bowie auf seine hochkreativen „Berliner Jahre“ 1976 bis 1978 zurückblickte, aber auch auf den Mauerfall und seine Eindrücke von der früheren Grenze.

Noch zwei weitere Balladen (darunter das traumhafte „Heat“) hat die vom alten Bowie-Weggefährten Tony Visconti gewohnt großartig produzierte Platte zu bieten, sie sind am Ende platziert. Davor bewahrheitet sich, was Visconti vor Wochen ausgeplaudert hatte: Bowie rockt. Und er tut dies mit selbstbewusst-nostalgischer Würdigung des eigenen Werks. Fast jede der vielen Phasen seiner Karriere - vom Glamrock der frühen 70er über weißen Funk, Elektronik und Blues bis zum perfekten Pop - lässt sich heraushören, immer geprägt vom chamäleonhaften Charisma dieser fabelhaften Stimme.

Neben der zweiten Single, dem geschmeidigen „The Stars (Are Out Tonight)“, könnte „Boss Of Me“ ein echter Hit werden - ein Bariton-Saxofon untermalt die Altherren-Fantasie, wonach ein „smalltown girl“ sich zu Bowies Boss aufschwingt. „Valentinès Day“ weckt Erinnerungen an Ziggy-Stardust-Zeiten, „(You Will) Set The World On Fire“ verweist auf die Kennedys und imponiert mit muskulösem Gitarrenrock, „Ìd Rather Be High“ bedient sich dezent bei Beatles-Psychedelik, und „If You Can See Me“ erfreut die Anhänger des experimentellen Bowie mit unruhiger Polyrhythmik.

In Zeiten fortschreitender Bowie-Musealisierung - ab Ende März mit einer großen Ausstellung in London - und eines zunehmend verklärten Rückblicks auf seine Berliner Mauerstadt-Zeit ist „The Next Day“ ein willkommenes musikalisches Lebenszeichen. Zwar erreicht der Pop-Veteran mit Mitte 60 nicht mehr die Relevanz von Altersgenossen wie Neil Young oder Bob Dylan, aber ein feines Spätwerk ist ihm hier allemal geglückt. Vor allem: Das Denkmal David Bowie bleibt unbeschädigt.

(dpa)

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