Kultur : Viel rein und raus

Verbotene Früchtchen, tolle Triebe: Das Deutsche Theater Berlin zeigt Feydeaus „Klotz am Bein“

Peter Laudenbach

Der würdevolle Herr aus Brasilien, ein General im Ruhestand, hat die Gefechtslage schnell erkannt: „Bei Madame hier immer viel rein und raus.“ Wir befinden uns im plüschigen Vorzimmer der Varieté-Sängerin Lucette, in dem sich die verflossenen, gegenwärtigen und künftigen Liebhaber in rasantem Tempo die Klinke in die Hand geben. Tür auf, Tür zu. Und wir befinden uns in einer Boulevardkomödie von Georges Feydeau, einer dieser präzise konstruierten Theater-Hochleistungs- Maschinen, in denen die Bürger des 19. Jahrhunderts in sexuelle Verwirrungen stürzen und mit vielen lustigen Verrenkungen und aberwitzigen Pirouetten über den Abgrund hinwegtänzeln.

Früher, in der guten alten Zeit, als erotische Fehltritte noch existenzgefährdende Abenteuer waren, konnten die Bürger im Parkett die amourösen Verwicklungen auf der Bühne mit wohligem Schauder auskosten und sich an den Notlügen, Heimlichkeiten und der Angst vor der Enttarnung delektieren. „Spaßhafte Ventile für ernsthaft unterdrückte sexuelle Bedürfnisse“ hat Ernst Wendt diesen Wirkungsmechanismus genannt. Zur verklemmten Lust des Voyeurs im Zuschauerraum gehörte, dass das Spiel mit den verbotenen Früchten und Früchtchen gleichzeitig im Verborgenen und in aller Öffentlichkeit des Theaters stattfindet. So wird der Blick auf die Bühne zum Blick durchs Schlüsselloch.

Eine Zeit lang war es Theatermode, Feydeaus Farcen besserwisserisch zum Zweck der „Enttarnung“ gewisser „bürgerlicher Lebenslügen“ zu inszenieren: Die bürgerliche Fassade der Biedermänner sollte angekratzt werden. Dieser Gestus des ideologiekritisch aufgemotzten Entlarvens ist heute, wo man schon froh ist, wenn die eine oder andere bürgerliche Fassade noch intakt wirkt, bloß noch albern. Und Thomas Schulte-Michels ist viel zu klug, um bei seiner Feydeau-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin in diese Rechthaber- und Entlarvungsfalle zu tappen. Lieber lässt er die Boulevard-Maschinerie leicht, elegant und genussvoll abrollen – sehr undeutsches Theater am Deutschen Theater.

Dass die Lebemänner, die erotischen Abenteurer und Versteckspieler aus dem 19. Jahrhundert von unseren heutigen Freuden und Nöten nicht allzu weit entfernt sind, deutet sich nur spöttisch im Bühnenbild (Christoph Schubiger) an, in dem die rote Parkettbestuhlung ihre Fortsetzung findet: Wir sitzen alle im Vorzimmer der ausschweifenden Sängerin Lucette Gautier. Und wir sitzen gerne da.

Dagmar Manzel spielt diese Lucette als erotisches Raubtier. Sie räkelt sich wohlig und schnurrt mit Genuss, sie gurrt kokett und sie schmeichelt den Männern, die nicht anders können, als wachsweich dahinzuschmelzen. Wenn sie ihren Liebhaber mit den Augen verschlingt, vibriert die Luft. Und wenn sie die Krallen ausfährt, ahnt man, dass sie das Spiel nach ihren Regeln spielt – und dass es kein ungefährliches Spiel ist. Sehr zufrieden lehnt sie bei ihrem ersten Auftritt im Türrahmen ihres Schlafzimmers und kostet den Nachgeschmack der vergangenen Nacht aus: Sichtbar erschöpft und aufs Schönste ausgelaugt, taumelt der jugendliche Liebhaber Ferdinand aus ihren Gemächern, ein gut aussehender, mit allen Duftwässerchen gewaschener Lebemann. Robert Gallinowski spielt ihn als übermüdeten Beau, der alle Hände voll zu tun hat, sein kompliziertes Liebesleben zu managen.

Geht es üblicherweise in den Farcen Feydeaus um Ehemänner, die ihre außerehelichen Vergnügungen kaschieren müssen, wird hier das Muster ironisch variiert: Ferdinand will heiraten und muss noch vor der Hochzeit seine mehr als anhängliche Geliebte loswerden. Nicht dass ihm an der Braut viel läge, aber sie kommt aus reichem Hause, und der ewigen Ausschweifungen in den Armen Lucettes ist er ein wenig überdrüssig geworden. Dumm nur, dass seine Hochzeit noch heute Abend stattfinden soll und zu allem Überfluss in der Zeitung angekündigt ist. Dass ihm die Trennung von Lucette nicht leicht fällt, liegt nicht nur an seiner Feigheit. Noch während er darüber nachdenkt, mit welchem reichen Nachfolger er sie am besten verkuppeln könnte, sprühen die Funken zwischen ihm und seiner Geliebten. Offenbar handelt es sich um eine Affäre mit hohem Suchtfaktor. Robert Gallinowski stattet seine Figur im Kontrast zur energischen Lucette mit weichen Zügen und einer lustigen Zerfahrenheit aus.

Um die beiden Protagonisten ist ein ganzes Arsenal schräger Typen gruppiert. Dieter Mann spielt den brasilianischen General, einen Verehrer Lucettes, mit Lust an der Überzeichnung – ein umwerfender Komiker, der aus kleinen Nummern große Auftritte macht. Einen Monsieur Bouzin, ein Herr im grauen Anzug mit zu kurzen Hosen, gibt Bernd Stempel als Mensch gewordene Büroklammer: Der bedauernswerte Mann ist „Dichter aus Berufung und Bürodiener von Beruf“. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, sich von so ziemlich jeder Figur des Stücks hin und her schubsen zu lassen. Die Braut Ferdinands (Aylin Esener) hätte gerne einen Mann mit verruchter Vergangenheit, ihre Mutter (Barbara Schnitzler) küsst den Bräutigam am liebsten selbst. Es ist ein hinreißender Abend, in keinem Augenblick zäh oder schwerfällig, von wunderbarer Leichtigkeit.

Wieder am 5., 7., 14., 18. und 19. März

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