Kultur : Viel Weib, vielleicht

OPER

Carsten Niemann

Szenenapplaus für Leporellos Registerarie? Nichts ungewöhnliches: die Nummer, in der Don Giovannis Diener der betrogenen Geliebten die berühmte Liste mit den Eroberungen seines Herrn vorträgt, gehört zu den Glanzstücken von Mozarts Opernpartien. Ungewöhnlich ist es dagegen, wenn, wie am Sonntag im Potsdamer Schlosstheater im Neuen Palais zu Sanssouci, der Applaus genauso dem stummen Spiel der Donna Elvira gilt. Von ungläubigem Spott über Staunen, Ekel, Zorn bis zu ersten Anflügen der Trauer reicht das Register an Emotionen, das Judith Kuhn in der Rolle der betrogenen Liebhaberin entfaltete: so genau beobachtet und so hinreißend komisch, dass man ahnte, zu welchem Meisterwerk diese Aufführung hätte werden können.

Doch wo er sich nicht auf die Selbsthilfe seiner Sängerdarsteller verlassen konnte, mangelte es dem Regisseur Ralf-Günter Krolkiewicz an jenem Einfallsreichtum und Timing, an jener Präzision, mit der Kuhn punktete. Yue Liu als Komtur war schon am Anfang der Oper eine Statue und das Feuer des ersten Finales verpuffte, weil Don Ottavios Pistole zwar musikalisch scharf geladen war, szenisch aber offenbar keine Bedrohung für den Wüstling bedeutete. Durchweg erfreulich und ausgewogen dagegen die Stimmen, auch wenn sie, wie der attraktive Don Giovanni Raimund Noltes, den Charakteren nichts substanziell Neues oder Individuelles hinzufügten. Wenn die Potsdamer Aufführung dennoch eine echte Alternative zu jedem Berliner Giovanni bietet, dann wegen der Kammerakademie Potsdam unter Andreas Spering: so sprechend, so durchsichtig, mit so genau dosierten Emotionen und bis in die vom Hammerklavier begleiteten Secco-Rezitative hinein so farbenreich gestaltet gibt es diese Oper wohl so bald nicht wieder zu hören (weitere Aufführungen bis zum 31.Mai)

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