Kultur : "Viele Deutsche wollen vergessen"

Herr Stern[vor einem Jahr hat Martin Walser die M]

Am Sonntag erhält der 73-jährige den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

FRITZ STERN, 73, gilt als einer der besten Kenner der deutschen Geschichte. Der Historiker, in Breslau geboren und 1938 in die USA emigrierte, ist Professor Emeritus an der Columbia University von New York. Mit Fritz Stern sprach Christian Böhme.

Herr Stern, vor einem Jahr hat Martin Walser die Moralkeulen in der deutschen Erinnerungskultur gegeißelt. Wird Ihre Rede zur Verleihung des Friedenspreises eine Replik auf die umstrittenen Worte des Schriftstellers sein?

Zu dieser Frage möchte ich mich nicht äußern.

Hat die heftige und sehr kontroverse Debatte, die auf Walsers Rede folgte, etwas im deutschen Umgang mit der eigenen Geschichte verändert?

Ich kann nicht erkennen, dass sich da etwas Entscheidendes in den vergangenen zwölf Monaten geändert hat. Dass man sich mit der braunen Vergangenheit auseinandersetzen muss, das ist klar. Dass dies zu Kontroversen und Historikerstreiten führt, liegt ebenso auf der Hand. Auch der Wunsch von Teilen der Bevölkerung, nichts mehr von der NS-Zeit hören zu wollen, ist verständlich, wenn auch besorgniserregend. Wichtig ist allerdings dabei, dass man nicht den Vergleich mit anderen Ländern vergisst. Auch bei den Franzosen hat es sehr lange gedauert, bis sie die düstere Vergangenheit von Vichy angenommen haben.

Die Deutschen sind also nichts besonderes?

Die deutsche Vergangenheit ist etwas besonderes, der Umgang mit ihr nicht. Wenn man einen wirklichen Gegensatz haben will, dann reicht ein Blick nach Japan. Die Japaner sind wirklich sehr rückständig, wenn es um die Aufarbeitung ihrer Geschichte geht.

In Deutschland gibt es neben dem Verdrängen auch das Gegenteil: Man stürzt sich geradezu inbrünstig auf die braune Vergangenheit. Die Klemperer-Tagebücher waren ebenso ein riesiger Verkaufserfolg wie jetzt die Autobiografie von Marcel Reich-Ranicki. Worauf ist dieser Boom zurückzuführen?

Ich glaube, dass ist auch eine Generationenfrage: Gerade diejenigen, die nach dem Krieg geboren wurden, können sich den Nationalsozialismus und seine Folgen nicht richtig vorstellen, eben weil die Vergangenheit teilweise so schrecklich, so unglaublich, so völlig anders war. Das Menschliche in der Zeit der Unmenschlichkeit scheint nicht nur mich, sondern auch andere sehr zu interessieren. Vielleicht erklärt das den überraschenden Erfolg der Klemperer-Tagebücher.

Verkaufen sich diese Bücher so gut, weil es leicht fälltsich mit Menschen zu identifizieren?

Es gibt die verschiedensten Ansätze und Möglichkeiten, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen. Allerdings sind gerade die populären Darstellungen auch mit Vorsicht zu genießen. Ich habe selbst einmal eine Statistik darüber erstellt, welche Darstellung über die NS-Zeit in den USA die meiste Resonanz hatte: Die tendenziöse, ungenügende Holocaust-Serie ließ alles andere weit hinter sich. Für einen wie mich, der glaubt, dass Wissen über die Vergangenheit wichtig ist, war das eine deprimierende Erkenntnis.

Deprimierend ist ein Stichwort, das viele mit dem schwierigen Verhältnis zwischen den Deutschen in Ost und West verbinden. Kann das Erinnerungsgewitter anlässlich des 10. Jahrestages des Mauerfalls am 9. November 1989 da reinigend wirken?

Es sollte. Ich werde in meiner Rede kurz darauf eingehen.

Von den ostdeutschen Repräsentanten des Umschwungs, den Bürgerrechtlern, ist heute kaum noch die Rede. Woran liegt das?

Ich habe schon sehr oft mein Bedauern darüber geäußert, dass viele Deutsche große Mühe haben, sich generell mit Widerstand auseinanderzusetzen. Das gilt für die NS-Zeit ebenso wie für die DDR-Zeit. Allerdings muss man auch sagen, dass der Widerstand gegen den Kommunismus in Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen sehr viel stärker war. Auch in der Sowjetunion gab es Opposition, Menschen und Schriften des Widerstands. Andererseits gab es in der DDR mit dem 17. Juni 1953 den ersten Protest gegen das unmenschliche Regime, der auf der Straße stattfand. Es ist schade, dass man sich diesen Ereignissen so wenig widmet.

Von den damaligen Protagonisten ist fast nichts mehr zu hören. Geht da nicht etwas Wichtiges verloren?

Das ist zweifellos ein Verlust. Das waren alles Menschen mit politischen Engagement und großem Mut. Ich habe gedacht, dass sie gebraucht würden. Dass nur einige wenige ehemalige Bürgerrechtler heute politische Verantwortung haben, ist bedauernswert. Es gibt einfach eine unglückliche Verteilung des Interesses. Denken Sie zum Beispiel an die eindrucksvolle Rede von Friedrich Schorlemmer, als er vor einigen Jahren den Friedenspreis des Buchhandels erhielt. Man hätte sich gewünscht, dass diese Rede länger im Gedächtnis geblieben wäre als etwa Goldhagen, der mit seinen "willigen Vollstreckern" lange Zeit in aller Munde war.

Was hätte man bei der Wiedervereinigung besser machen können?

Vieles wäre anders und vielleicht besser gelaufen, wenn man 1989/90 den Menschen gesagt hätte: "Herrlich, was jetzt auf uns zukommt, aber es wird verdammt schwierig werden. Wir müssen den Gürtel enger schnallen" Stattdessen wurden blühende Landschaften versprochen.

Bleibt 1989 dennoch ein Epochendatum?

Ich hatte anfangs gehofft, dass mit 1989 ein schreckliches Zeitalter der Ideologien, der Totalitarismen ein glückliches Ende gefunden hat. Ich glaubte, die Kette der Gewalt sei zerrissen worden. Diese Einschätzung musste ich inzwischen zumindest teilweise revidieren. Nicht nur wegen Jugoslawien.

War erwartet der Historiker Fritz Stern für das nächste Jahrhundert?

Man wird mit den negativen Folgen des Informationszeitalters und der Globalisierung fertig werden müssen. Man wird sich überlegen müssen, ob eine neoliberale Orthodoxie, wenn es sie denn geben sollte, ein Missbrauch des Wortes "liberal" wäre. Ganz abgesehen von neuen Mächten wie China, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Bei all dem sollte aber nicht vergessen werden, dass viel Gutes im Laufe des zu Ende gehenden Jahrhunderts erreicht wurde. Denken Sie nur an die Errungenschaften in den Naturwissenschaften.
© 1999

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