Kultur : Vielfalt ist Freiheit

Zum Abschluss des Themenjahrs: Was der 9. November für uns Deutsche bedeutet / Von André Schmitz.

Berlin steht heute als internationale Metropole, als „Place to be“ für junge Menschen aus aller Welt exemplarisch für ein neues, weltoffenes Deutschland. Der „Place to be“ für Künstler, Wissenschaftler und Kreative war Berlin auch in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Doch wie lebendig, weltoffen, kulturell vielfältig und innovativ sich unsere Stadt vor knapp hundert Jahren schon einmal präsentierte, ist fast vergessen.

Mit unserem Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ wollten wir diesem Vergessen begegnen. Eingerahmt von zwei historischen Daten, dem 80. Jahrestag der Machtübertragung 1933 und dem 75. Jahrestag der Novemberpogrome, erinnert sich eine Stadt daran, wie schleichend und schnell, wie gründlich und unwiederbringlich die NS-Herrschaft diese Vielfalt zerstört hat. Wie aus bunt braun wurde – durch Gewalt, Gleichschaltung, vorauseilenden Gehorsam, Wegsehen und viel zu wenig Widerstand.

Was damals für jeden erkennbar war, erkennbar gewesen wäre, ist im Stadtraum wieder sichtbar gemacht worden. Dauerhaft durch Gedenkorte oder die inzwischen weltweit bekannten Stolpersteine, mit denen an die Deportierten und Ermordeten vor ihren letzten Wohnsitzen erinnert wird. Und temporär durch über 130 thematische und Porträtsäulen, die während des Themenjahres in der ganzen Stadt an jene Menschen erinnern, denen Berlin seine einstige Vielfalt zu verdanken hatte. Darunter sind Berühmtheiten wie Albert Einstein oder Marlene Dietrich, daneben aber auch fast vergessene Größen ihrer Zeit wie Efim Schachmeister, eine Koryphäe der Unterhaltungskunst, der Kunstpfeifer Guido Giadini oder Cora Berliner, eine der ersten Professorinnen für Wirtschaftswissenschaften in Deutschland.

Sie, denen Berlin seinen Ruf als internationale Metropole, als Laboratorium der Moderne zu verdanken hatte, wollten wir zurückholen: Ihre Gesichter und ihre Biografien haben wir im Stadtbild wieder präsent gemacht. Und damit eine historische Ahnung vom Ausmaß der zerstörten Vielfalt zu vermitteln versucht. Es ist mit dieser Idee etwas Wunderbares passiert: Wir durften erleben, wie die Stadtgesellschaft diese Idee aufgegriffen und sie sich zu eigen gemacht hat.

„Zerstörte Vielfalt“ wurde alles andere als eine Veranstaltung der Politik für die Stadt. Im Gegenteil, sie wurde zu Plattform und Forum von über 170 beteiligten Partnern- von Großbetrieben über Schulen, IHK, Kirchen, Theatern, Museen, Gewerkschaften und Bürgerinitiativen, die sich zum Teil seit Jahrzehnten oder zum ersten Mal mit der NS-Geschichte ihres Betriebes, ihres Umfeldes auseinandersetzten. In über 1000 Projekten, Ausstellungen und Veranstaltungen haben die Bürger Berlins Orte aus dem Vergessen geholt, den verfolgten, verjagten, deportierten und ermordeten Mitbürgern von einst Gesicht und Biografie zurückgegeben.

Vor allem aber hat das Themenjahr die Jugend der Stadt erreicht, für die Vielfalt heute eine Selbstverständlichkeit ist. Stell Dir vor, plötzlich wird verboten, was dir wichtig ist: Du darfst hier nicht mehr leben, nicht mehr zur Schule gehen, nicht mehr lieben, wen du willst, deine Musik nicht mehr hören oder kein Haustier mehr haben. Konfrontiert mit dem brutalen Alltag ihrer zumeist jüdischen Altersgenossen vor 80 Jahren, haben junge Berliner ihre Statements abgegeben.

Unter dem Motto „Unsere Vielfalt nimmt uns keiner mehr“ entstanden Tausende von nachdenklichen, auch humorvollen Smartphone-Filmen. Sie werden am Abend des 10. November auf 16 Leinwänden am Brandenburger Tor zu sehen sein, bei der Abschlussveranstaltung zum Themenjahr, dessen Credo die jungen Leute in den vergangenen Monaten für sich gefunden und auf den Punkt gebracht haben: Vielfalt ist Freiheit. Treffender als mit diesen drei Worten kann man die Brücke zwischen gestern und heute, zwischen den beiden Bedeutungen, die dieser 9. November für uns Deutsche hat, nicht schlagen.

André Schmitz ist Staatssekretär für Kultur in Berlin.

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