Kultur : Vier Brüder, fünf Ringe

Gleichheit, Fairness, Liebhaberei, Völkerfreundschaft: Was aus den olympischen Idealen geworden ist

Helmut Böttiger

Man kann es sich kaum noch vorstellen: Ende des 19. Jahrhunderts spielte die Altphilologie eine herausragende Rolle. Das europäische Bürgertum hatte die alten Griechen für sich entdeckt. So versuchte man, mit einer Erziehung zur Tugendhaftigkeit dem schnöden Alltag etwas entgegenzusetzen, also der Dominanz des Militärischen und dem entfesselten Gewinnstreben. So rief Pierre de Coubertin zu den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen auf, und sie wurden ein Selbstläufer. Der Baron hat bei verschiedenen Gelegenheiten die olympischen Ideale beschworen, immer wieder wurden sie neu formuliert: Der Geist von Olympia sollte die Menschen beseelen, insbesondere der Gedanke der Gleichheit, der Fairness, das Amateur-Ideal und die Idee der Völkerfreundschaft. Was ist, mehr als hundert Jahre danach, aus diesen Tugenden geworden?

1. Gleichheit im Olympischen Dorf

Bei der Beschäftigung mit den alten Griechen stieß de Coubertin auf die Erfindung der Demokratie. Deswegen schuf man das Olympische Dorf. Da gibt es Pritschen und Matratzenlager für alle, auch Verpflegung und Trainingsbedingungen sind für alle gleich. Für alle? Nein. Denn es gibt ja auch das Internationale Olympische Komitee, das IOC. Das wohnt nicht im Olympischen Dorf, sondern in den ersten Hotels am Platze. Wer wie in dieses IOC hineinkommt, ist eines der letzten Rätsel der Menschheit. Zwar gibt es so etwas wie Wahlen: Die diversen Nationalen Olympischen Komitees mit ihren verdienten Funktionären stecken die Köpfe zusammen und kungeln etwas aus. Man muss sich das IOC als einen Tummelplatz für die Mayer-Vorfelders aller Länder vorstellen.

Was alles müssen sich Städte einfallen lassen, wenn sie Olympische Spiele austragen wollen! Sie müssen den Granden vom IOC und deren Ehefrauen zu Gefallen sein – und wohl nicht nur im Fall des jetzt geschassten Bulgaren geht es manchmal um sehr teure Gefälligkeiten. Bei dem Ansinnen der armen Stadt Berlin, den Zuschlag für die Spiele 2000 zu erhalten, war sogar von Versuchen die Rede, sexuelle Vorlieben der IOC-Mitglieder ausfindig zu machen. Dann sind da noch die Athleten. Balco ist eine kalifornische Firma, die sich darauf spezialisiert hat, das so genannte Designer-Steroid THG herzustellen. Wenn jeder Athlet bei den Olympischen Spielen denselben Draht zu Balco hätte, wäre das Gleichheit im Olympischen Dorf. Aber viele Athleten müssen mit schlechteren Firmen vorlieb nehmen, Firmen, deren Produkte zum Teil bereits auf den offiziellen Doping-Listen stehen. Es soll sogar Athleten geben, die nur zur Mineralwasserflasche greifen.

2. Fairness

Das alte Wort Fairness entsprach den aristokratischen Gepflogenheiten jener Zeit. Ende des 19. Jahrhunderts galt es als unfein, wenn man seinen Gegner mit unlauteren Methoden zu übertölpeln versuchte. In den Frühzeiten versuchte man noch eher hemdsärmelig, sich einen Vorteil zu verschaffen: man gab sich Infusionen mit Traubenzucker, spanische Marathonläufer sollen morgens einen Liter Ochsenblut getrunken haben. Später gab es zum Beispiel eine tschechoslowakische Mittelstreckenläuferin namens Krachmatilowa. Sie raste die 800 Meter herunter wie ein Mann, nicht wenige vermuteten, sie sei auch einer. Oder die Schwimmschule der DDR. Legendär wurde die Szene 1972 in München, als die Hallenserin Cornelia Ender Rekord um Rekord brach, aber anschließend mit einer genuinen Bass-Stimme vors Mikrofon trat. Darauf angesprochen, versetzte der Coach: „Sie soll nicht singen, sie soll schwimmen!“ Während der reale Sozialismus noch mit Hammer und Amboss arbeitete, investierte der Kapitalismus schon in erste Chip-Fabriken. Balco ist ja eigentlich eine Firma, die sich der Nahrungsmittelergänzungsherstellung widmet. Allein das Wort – Nahrungsmittelergänzungsherstellung! Dazu gehört, dass man mit Stoffen experimentiert, die den Dopingfahndern um einen Fußbreit voraus sind. Und die Mädels sehen nicht nur aus wie Mädels, sie sprechen auch so!

3. Der Amateurgedanke

Amateur ist heutzutage eher ein Schimpfwort für den, der es nicht besser kann. Wörtlich übersetzt bedeutet Amateur Liebhaber, und in Pierre de Coubertins Vorstellung hieß das, dass sich jemand mit ganzem Herzen für etwas begeistert, nicht wegen des schnöden Mammons. Aber schon früh fing man an, am Amateurwesen herumzudefinieren. Die „Staatsamateure“ aus dem Ostblock hatten es da leichter, sie waren per definitionem keine kapitalistischen Profis. Mit der Zeit wurde der Widerspruch zwischen der Außendarstellung als Amateur und dem offenkundigen Geldverdienen mit dem Sport zu groß. Das Wort Amateur bekam eine ironische Färbung, und als die Sache mit der Sowjetunion und den Staatsamateuren ein Ende hatte, war dieser Prozess abgeschlossen. Heute spricht keiner mehr von Amateuren. Heute geht es darum, professionell zu sein, da hört man immer gleich ein anerkennendes Zungenschnalzen mit.

4. Völkerfreundschaft

Der polnische Reporter Ryszard Kapuczinski hat einmal beschrieben, wie sich aus einem Qualifikationsspiel zur Fußball-WM zwischen El Salvador und Honduras ein regelrechter Krieg entwickelte. An den Grenzen fuhren die Panzer auf und schossen. Während der Olympischen Spiele sollen die Waffen dagegen ruhen, auf der ganzen Welt, so schreibt es das Komitee vor. Deshalb hat man für die Olympischen Spiele die Kriege umdefiniert – als ideales Feld für Ersatzschlachten. Lange Zeit boten die Fronten des Kalten Krieges viele Möglichkeiten dafür. USA gegen Sowjetunion! Schön war auch, wenn die Eishockeymannschaft der Tschechoslowakei bei den Winterspielen die Supermacht Sowjetunion zu Fall brachte. Jeder wusste, das war die Revanche für den Einmarsch 1968 in Prag. Noch heute gibt es schöne Paarungen. USA gegen Nordkorea zum Beispiel, gegen Sudan, Iran oder Irak. Israel gegen Syrien ist auch nicht schlecht. Die Sicherheitsvorkehrungen sind jedoch mittlerweile so effektiv, dass sie zwar Unsummen für die Logistik verschlingen, aber nach außen das attraktive Bild vermitteln, man gehe durchweg freundschaftlich miteinander um. Doch bei Türkei gegen Griechenland könnten schon Animositäten durchschimmern, zumal die Griechen gerade irgendwie Oberwasser haben. Kroatien gegen Serbien? Man könnte endlos weitermachen. Bloß „Deutschland“ hat die DDR nicht mehr – vielleicht ist das der Grund, warum wir mittlerweile so schlecht dastehen.

Pierre de Coubertin hat nie aufgegeben. Er erlebte den Ersten Weltkrieg, in dem die Spiele ausfielen und scheinbar alles zunichte wurde, auch die kleine Flamme aus Olympia. Aber als der Baron 1937 starb, hatte seine Idee sich auch ohne reine Ideale durchgesetzt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben