Kultur : Vierschanzentournee: Guter Rutsch!

Benedikt Voigt

Eigentlich kann Hans Ostler nicht verstehen, was so besonders sein soll an seinem Wohnzimmer. "Das ist ganz normal im bayerischen Stil eingerichtet", sagt der 76-Jährige über sein Heim. Ein Fernseher stehe dort, eine Sofagarnitur und ein Computer. "Der Computer ist mein Büro und meine Frau ist die Sekretärin", sagt Ostler und lacht. Vielleicht weil er es selber kurios findet, dass eine der erfolgreichsten Sportveranstaltungen Europas im Wohnzimmer eines 76-jährigen Rentners organisiert wird: die Vierschanzentournee der Skispringer. In diesem Jahr jährt sich die Vierschanzentournee zum 50. Mal. Genauso oft war auch der rührige Hans Ostler dabei, der in diesem Zeitraum vom Rennsekretär zum ehrenamtlichen Präsidenten der Tournee aufstieg. "Früher war es gemütlicher", sagt Hans Ostler. Was als eine kleine Veranstaltung für 50 Amateurspringer begann, entwickelte sich zu einem Millionengeschäft.

Zur Jubiläumstournee ist das Interesse an den Wettkämpfen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen so groß wie nie zuvor. Über 500 schreibende Journalisten und 25 Fernsehanstalten berichten vom ersten Springen am Sonntag in Oberstdorf. Das Stadion an der Schattenbergschanze ist mit 18 000 Zuschauern seit November ausverkauft. Die Werbeeinnahmen der Tournee werden inzwischen auf insgesamt 4,1 Millionen Euro geschätzt.

Mit einem solchen Erfolg hatten die acht Gründungsväter der Vierschanzentournee nie gerechnet, als sie 1953 in Garmisch-Partenkirchen bei der Tourneepremiere die ersten Skispringer mit Mütze und Pullover über den Schanzentisch schickten. Sie hatten die Anreisekosten für die Skandinavier niedrig halten wollen, deshalb sollten gleich vier Springen in kurzer Zeit hintereinander stattfinden. Weil die Sportler damals noch allesamt Amateure waren, wählten der verstorbenen Tourneepräsident Putzi Pepeunig und seine Freunde den Termin zwischen dem 30. Dezember und dem 6. Januar als Zeitraum für ihre Veranstaltung. Er liegt in der Ferienzeit. Diese Wahl erwies sich schon bald als Glücksfall.

Vor allem das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen am 1. Januar zieht seither die Massen an. Skispringen in Deutschland rückt damit an die beiden zuschauerträchtigsten Sportarten, Fußball und Formel 1, heran. Längst gehört es auch in nicht so sportbegeisterten Familien zur Tradition, am Neujahrstag nach dem Aufstehen das Skispringen in Garmisch-Partenkirchen einzuschalten. Neben dem günstigen Termin trägt auch die Sportart selber, zur großen Popularität der Vierschanzetournee bei. Skispringen ist eine exklusive Sportart, die nur von einigen wenigen Sportlern betrieben werden kann. Weil es einfach nicht ungefährlich ist, sich 120 Meter tief ins Tal zu stürzen. Man kann den Menschen nur beim Fliegen zusehen, mitmachen sollte man besser nicht. Das ist die Faszination des Skispringens.

Die vier veranstaltenden Vereine sowie der deutsche und österreichische Skiverband machen damit ein gutes Geschäft. Insgesamt werden rund 90 000 Zuschauer ihr Geld in den vier Tourneeorten lassen. Allerdings sind die Veranstalter in den letzten Jahren vom Erfolg ein wenig überrollt worden. "Es kommt eine neue Zeit", sagt Tourneepräsident Hans Ostler, und es ist ihm anzumerken, dass ihm diese Entwicklung gar nicht zusagt.

Früher sei es persönlicher gewesen, man sei nach den Springen noch im Gasthaus bei ein paar Bieren zusammengesessen. "Da hat man das noch genossen, nach dem Krieg hat es ja zunächst kein Vollbier gegeben", sagt der 76-Jährige. Doch, die vergangenen 48 Jahre seien eine schöne Zeit gewesen, die Reisen mit seiner Frau zu Kongressen nach Neuseeland und Australien. "Da kommt man ja sonst nicht hin." Aber jetzt sei es Zeit, dass ein Neuer kommt. Im Januar gibt Hans Ostler sein Präsidentenamt ab.

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