Kultur : Vietnam-Reihe: Spuren des Krieges

Daniela Sannwald

Sie kichern, tratschen und freuen sich, wenn der Unterricht ausfällt. Sie wispern in der Dunkelheit, sie sind verliebt, und sie haben den gefährlichsten Job der Welt: Die zehn jungen Frauen in "Nga Ba Don Loc" (Kreuzung Don Loc) beobachten während des Vietnam-Krieges die amerikanischen Flugzeuge bei den Bombenabwürfen, suchen das Gelände nach Blindgängern ab, führen deren Detonation herbei und reparieren danach die Straßen. Der 1997 von Luu Trong Ninh gedrehte Film wirkt stellenweise wie eine Internatsgeschichte, so heiter und harmlos scheint das Leben im Camp. Erst wenn eine aufregende Parallelmontage zeigt, unter welcher Anspannung ein Kommando der Frauen arbeitet, während die Daheimgebliebenen mit großem Gekreische das Fahrrad des Kommandeurs stiebitzen, wird klar, dass das Herumalbern zum Stressabbau beiträgt.

Erdige Pastelltöne und ein mildes, staubiges Licht charakterisieren diesen Film, der auf Ereignissen des Jahres 1968 beruht. Er verweist fast nebenbei auf die Grausamkeit eines Krieges, in dem Minderjährige weit weg von zu Hause Bomben mit den Händen ausgruben, ohne jedoch zu heroisieren. Eher ist eine leise Traurigkeit zu spüren - darüber, dass die jungen Frauen keine Chance hatten, jemals unbeschwert zu sein.

Frauen im Krieg stehen auch im Mittelpunkt von Luu Trong Ninhs drei Jahre später gedrehtem Film "Ben Khong Chong/Das Ufer der Frauen ohne Männer". Der Schauplatz ist ein schmuckes Dorf inmitten grüner Reisfelder, das fernab vom Weltgeschehen zu liegen scheint. Und dennoch: Als der Veteran Van 1956 aus dem Indochinakrieg heimkehrt, ist er der einzige Mann am Ort, auf den sich weibliche Sehnsüchte projizieren lassen. Und nicht nur die enteignete Witwe, bei der er einzieht, hat eindeutige Absichten, sondern auch eine Nachbarin. Aber Van lebt mönchisch und umarmt sein Gewehr. Im Lauf der Jahre - der Film endet 1973 - ziehen auch die Söhne an die Front, und eine zweite Generation von männerlosen Frauen wächst heran. In einer grotesk-brutalen Szene sitzen die pubertierenden Mädchen am Fluss und treiben Schabernack mit dem "Dorfnarren". Gerade als sie ihm die Kleider ausziehen wollen, kehrt einer ihrer Verlobten heim - für immer entstellt durch Verbrennungen. "Ben Khong Chong" erzählt in sehr schönen Bildern und gemächlichem Tempo von der Beengtheit des Dorflebens und zerstört den Mythos von der exotischen Idylle.





Mit den Auswirkungen des Krieges beschäftigen sich auch "Mua Oi/Die Zeit der Guaven", die Geschichte eines Wohnhauses in Hanoi, und das witzig-melancholische Road Movie "Ai Xuoi Van Ly/Die lange Reise", in dem ein Soldat die Asche seines gefallenen Freundes durchs ganze Land zu dessen Eltern zurückbringt und dabei in allerhand absurde Situationen gerät.

In diesen Zusammenhang gehört schließlich Dietmar Ratschs Dokumentation "Eislimonade für Hong Li". Ratsch begleitet den Ex-DDR-Fotografen Thomas Billhardt nach Vietnam. Der hatte dort während des Krieges fotografiert und hofft nun, durch eine Ausstellung seiner Bilder einige der vor mittlerweile 30 Jahren Porträtierten wiederzutreffen. Sein sentimental-naives, mitunter trampeliges Auftreten sind dem sehr spannenden Filmvorhaben allerdings eher abträglich. Die titelgebende Hong Li übrigens gehörte damals einem Bombenräumkommando an.

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