Villa-Aurora-Nacht : Froschfrau trifft Feuchtwanger

"Venture Doll" ist keine amerikanische Erfindung, sondern ein Objekt der Künstlerin Steffi Weismann, die ihr Werk während eines Stipendiums in der Villa Aurora in Los Angeles erprobte. Für eine Nacht hat das an einen Mini-Alien erinnernde Wesen seinen Auftritt in Berlin.

Nicola Kuhn

Das gibt es nur in Amerika: eine Puppe im Einkaufswagen, die zu jeder vorgehaltenen Ware aus dem Supermarktregal ihren Kommentar abgibt. „Willst Du das wirklich haben?“, quäkt die Kleine kritisch, nachdem sie den Barcode gescannt hat und die tatsächlichen Ingredienzien kennt. Die anderen Kunden drehen sich irritiert um. Doch „Venture Doll“ ist keine amerikanische Erfindung, sondern ein Objekt der Künstlerin Steffi Weismann, die ihr Werk während eines Stipendiums in der Villa Aurora in Los Angeles erprobte. Für eine Nacht hat das an einen Mini-Alien erinnernde Wesen seinen Auftritt in Berlin, während der Villa-Aurora-Nacht im Martin-Gropius-Bau, bei der einmal im Jahr die Stipendiaten der letzten Saison ihre Werke präsentieren und die neuen Kandidaten ihre Pläne für Los Angeles erklären.

Die Villa Aurora, das ist seit 14 Jahren manifest gewordener deutsch-amerikanischer Kulturaustausch. Für drei Monate gehen Filmemacher, Schriftsteller, Komponisten, bildende Künstler in die Partnerstadt von Berlin und kehren von ihrem Aufenthalt im ehemaligen Wohnhaus von Lion und Martha Feuchtwanger mit reichen Eindrücken, neuen Arbeitsideen wieder zurück. Die Komponistin Andrea Neumann etwa drehte zu ihrer Musik erstmals einen Film, wozu sie Hollywood animierte. Nun stapft sie zu den eigenen Klängen als Froschfrau mit ihrer Partnerin Sabine Erkelentz durch die Stadt. Bei Sonnenaufgang taucht das Duo aus den Fluten des Atlantiks auf, natürlich steht es irgendwann auch vor dem berühmten Schriftzug Hollywood. Von Olaf Nicolai stammt eine Serie von Nachtaufnahmen aus dem Death Valley. Der Berliner Künstler war während seines Stipendiums so viel unterwegs, dass er nur eine Nacht für den legendären Ort Zeit hatte. Seinen Weg in der absoluten Dunkelheit bahnte er sich mithilfe seines Blitzlichts, dazu lief die Kamera. Das Ergebnis sind Mondlandschaften der irdischen Art, ihr Titel: „Zabriskie Point“.

Im kommenden Jahr feiert die deutsche Künstlerresidenz in den Hügeln von Los Angeles ihr 15-jähriges Bestehen. Dann wird, wie schon einmal vor fünf Jahren, aus der Villa-Aurora-Nacht, diesem ephemeren Event, ein zumindest für mehrere Wochen bleibendes Ereignis. In der Akademie der Künste ist im Herbst 2010 eine große Jubiläumsausstellung mit Werken der Stipendiaten geplant, dazu eine Konzertreihe, Lesungen, Filmvorführungen, wofür die „Nacht“ im Martin-Gropius-Bau nun der Auftakt war. Dann wird man auch zu sehen, zu hören bekommen, was die neuen Stipendiaten erlebt haben. Regisseur Jochen Alexander Freydank, der für seinen Kurzfilm „Spielzeugland“ einen Oscar erhielt, will sich für drei Monate der „Mühle“ in Deutschland entziehen und Drehbücher schreiben. Feuchtwangers Geist dürfte ihn inspirieren. 

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