Kultur : Villa Grisebach: Heroen der Moderne

Markus Krause

Die drei jungen Frauen sind aus dem Dunkel des Raumes ans Fenster getreten. Eine rafft fröstelnd das Tuch über der Brust, eine andere stützt ihren Arm in einer Geste der Abwehr auf die Brüstung. Auf den ernsten Gesichtern spiegelt sich Skepsis und Furcht. Es ist das Jahr 1939, die Frauen befinden sich auf einem Ölbild, das Karl Hofer im Jahr des Kriegsausbruchs malte. Offeriert wird das eindringliche Gemälde auf der Frühjahrsauktion der Villa Grisebach. Der hohe, doch angemessene Schätzpreis von einer halben Million Mark belegt die seit Jahren kontinuierlich gestiegene Wertschätzung für den herausragenden Künstler, der von den Nazis geächtet und diffamiert wurde.

Umfang und Qualität des auf fünf Kataloge angewachsenen Angebots der Villa Grisebach sind beachtlich. Zwar ist diesmal kein spektakuläres Millionen-Objekt dabei, doch das spätkubistische Ölbild "Le livre et la guitarre" von Juan Gris (1925) kommt der magischen Grenze gefährlich nahe (Taxe 750 000 bis 900 000 Mark). Wie gewohnt liegt der Schwerpunkt auf der deutschen Kunst des ersten Jahrhundertdrittels. Zahlreiche Heroen der Moderne sind mit glänzenden Stücken vertreten, wie Paul Klee, dessen "Arabische Stadt" von 1922 mindestens 400 000 Mark einzuspielen verspricht. Von Oskar Schlemmer ist das Aquarell "Vier Figuren" von 1928 (200 000 Mark) im Angebot und von Wassily Kandinsky eine geometrische Komposition aus dem Jahr 1925, die trotz kühler Berechnung eine seelische Gestimmtheit zum Ausdruck bringt ("Hartnäckiges Braun", Taxe 240 000 Mark).

Tod, Moder und menschlicher Irrsinn zeigen die 50 Radierungen von Otto Dix: die Fratze des Krieges gestaltete Dix 1924 nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg. 350 000 Mark lautet die Schätzung für die komplette Mappe "Der Krieg", die nur selten vollständig zu haben ist.

Auf ganz andere Gedanken kommt man angesichts der sonntäglichen Vergnügungen aus der Hand von Max Liebermann. Von dem Berliner Impressionisten stammen mehrere Gemälde, darunter die "Allee im Tiergarten mit Reitern und Spaziergängern" von 1923, die ebenso wie die "Zwei Reiter am Strand nach links" (1910) auf stolze 600 000 Mark taxiert ist. Nicht leicht zu verkaufen allerdings dürfte die große, staatstragende Allegorie der "Borussia" von Adolph von Menzel (1868) sein, die als Leihgabe lange die Sammlung des Berlin-Museums zierte. Im Vergleich mit anderen Menzel-Bildern wirkt die Darstellung so akademisch, dass der Preis von einer halben Million Mark vielleicht recht hoch gegriffen ist.

Zum zweiten Mal widmet die Villa der zeitgenössischen Kunst einen eigenen, hundert Nummern umfassenden Katalog. Ob die Auskopplung in der gegebenen Form sinnvoll ist, darf indes bezweifelt werden, da die beiden anderen großen Kataloge ebenfalls eine Menge - und zum Teil bedeutendere - Werke aus der Zeit nach 1960 enthalten. Immerhin: Die Material-Assemblage von John M Armleder und das Environment "Der Grunewald" von Hermann Pitz (12 000 Mark) sprengen den üblichen Rahmen der von der Villa Grisebach bisher offerierten Auktionsware. Der Bereich der zeitgenössischen Kunst ist noch ausbaufähig - und wesentlich schwieriger durchzusetzen als die seit einigen Jahren mit großem Erfolg betriebene Foto-Spezialauktion. Erstaunlich, was in diesem Bereich wieder zusammengekommen ist. Mode-, Architektur- und Porträt-Fotografie stehen im Vordergrund - letztere etwa ist hervorragend repräsentiert durch zwölf zum Teil unpublizierte Aufnahmen, die Umbo 1928/29 von dem berühmten Clown Grock gemacht hat (zusammen 220 000 Mark). Peter Keetmann ist unter anderem mit einem Abzug seines begehrten, hyperästhetischen "BMW-Kotflügels" (1956) dabei, der in der Fasanenstraße schon einmal für Furore sorgte (Taxe 20 000 Mark). Und weit mehr als glatte Oberflächenreize vermittelt das virtuos komponierte Farbfoto "Still life with watermelon" von Irving Penn von 1947 - eine moderne Vanitas-Darstellung, die mit 28 000 Mark eher unter- als überbewertet sein dürfte.

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