Kultur : Villa Grisebach: Zwei Reiter, drei Damen und die "Borussia"

Markus Krause

Allen Unkenrufen zum Trotz gibt es sie noch: deutsche Museen, die hohe Summen für Kunst ausgeben können. Eines von ihnen war bei der Auktion der Villa Grisebach erfolgreich, und zwar bei Adolph von Menzels "Borussia", einem großen Historienbild von 1868, dessen Schätzpreis stolze 500 000 Mark betrug. Und erwartungsgemäß bei solch einer Darstellung war es das Deutsche Historische Museum, dass den Menzel seiner Taxe entsprechend für eine halbe Million Mark erwarb. Die Erleichterung nach dem Zuschlag war im Auktionsraum spürbar, denn an einen Privatsammler wäre das Bild nur schwer zu vermitteln gewesen.

Auktionen verlaufen nie vorhersehbar, und so gab es in der Villa auch viele Ergebnisse, mit denen niemand gerechnet hätte. Da waren die sensationellen 1 050 000 Mark, die ein Händler im Auftrag für Max Liebermanns "Strandbild mit zwei Reitern" von 1910 bezahlte (Taxe 600 000 Mark). Man darf sich, mit Verlaub, fragen, ob das nicht doch ein wenig viel ist, für ein nicht ganz herausragendes Gemälde des Berliner Impressionisten. Der Überraschungen waren viele, zahlreiche Bilder der insgesamt glänzenden Auktion konnten ihre Schätzpreise verdoppeln oder gar verdreifachen. Einen der größten Preissprünge konnte das Brustbild eines kleinen Mädchens von Paula Modersohn-Becker (um 1904) verbuchen, das sich ein Münchener Privatsammler mit 500 000 Mark hart erkämpfte (Taxe 120 000 Mark). Ein in Pastell ausgeführtes Selbstporträt der Künstlerin erwarb der Berliner Händler Michael Haas für 160 000 Mark - der vierfache Schätzpreis.

Groß war der Zuspruch aus dem Ausland. Noldes "Prophet" von 1918 sicherte sich der Berliner Jörg Maaß im Auftrag eines amerikanischen Privatbieters für 590 000 Mark (500 000 Mark), Heckels Farbholzschnitt "Fränzi liegend" (1910), eine Inkunabel des deutschen Expressionismus, wanderte für 240 000 Mark nach Chicago. Außerdem ging ein herrlicher Abzug von Heckels Farbholzschnitt "Männerbildnis" (1919) für 175 000 Mark an den Dortmunder Händler Wilfried Utermann, der das Blatt im Auftrag einer New Yorker Galerie ersteigerte. Aber nicht nur die Amerikaner kamen zum Zuge. Ein Schweizer Privatsammler sorgte für den Rekord des Abends: Er bewilligte für Karl Hofers "Drei Mädchen am Fenster" (1939) 810 000 Mark, die höchste Summe, die je auf einer deutschen Auktion für ein Bild des Künstlers bezahlt wurde (500 000 Mark).

Angesichts solcher Preise ließen sich einige schmerzhafte Rückgänge verkraften. Zu ihnen gehörten unter anderem Bilder von Juan Gris (750 000 Mark), Renoir (600 000 Mark) und Lesser Ury (240 000 Mark). Eine schwere Enttäuschung war allerdings das Ergebnis der gesonderten Auktion zeitgenössischer Kunst. Von den in einem Extrakatalog zusammengefassten 100 Losnummern blieben über fünfzig Prozent auf der Strecke - nicht zu Unrecht, wenn man die insgesamt mäßige Qualität des Angebots betrachtet. Hier muss in Zukunft einiges besser werden, sonst könnte die Sonderauktion zeitgenössischer Kunst in der Villa ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen ist.

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