Villa-Massimo-Stipendiaten : Die Krise zum Leuchten bringen

Die Stipendiaten der Deutschen Akademie in Rom stellen im Berliner Martin-Gropius-Bau ihre Arbeiten vor.

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Fotograf Hans-Christian Schink vor einem Motiv aus seiner Serie "Aqua Claudia".
Fotograf Hans-Christian Schink vor einem Motiv aus seiner Serie "Aqua Claudia".Foto: Davids

Meist liegt eine Leichtigkeit über dieser italienischen Nacht mitten in Berlin. Seit neun Jahren bereits präsentieren sich die letztjährigen Stipendiaten der Deutschen Akademie in Rom mit Ausstellungen, Lesungen und Konzerten für wenige Stunden im Martin-Gropius-Bau. Doch dieses Mal schwärmt der Direktor Joachim Blüher nicht wie sonst über das Dolce Vita seiner Villa Massimo, sondern beklagt: „Deutschland interessiert sich nicht mehr für Italien.“ Er meint das weniger politisch als vielmehr: für Italien als Kulturnation.

Eine Analyse liefert dazu der Ehrengast des Abends, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Die Villa Massimo ist im Besitz der Bundesrepublik, er dürfte an diesem Abend wohl eher in seiner Funktion als Vizekanzler geladen sein. Das habe weniger mit den ignoranten Deutschen oder mit Italien zu tun, sagt also Gabriel, als mit der Globalisierung und der Euro-Politik. Was zählt in diesen Tagen, sei eben ökonomischer Erfolg. „Das führt zur kulturellen Nivellierung.“ Ein trauriges Bekenntnis an einem Abend, der ja auch zeigen soll, was der Staat für seine Künstler tut. Seit mehr als hundert Jahren schickt Deutschland Stipendiaten verschiedener Disziplinen an den Tiber, wo sie elf Monate lang leben und arbeiten dürfen.

Die Künstlerinnen und Künstler genießen völlige Freiheit - nur die Gropiusbau-Nacht ist Pflicht

2014 waren das der Schriftsteller Martin Mosebach und der Lyriker Oswald Egger, der einen magisch-urwüchsigen Text mit betont tonloser Stimme rhythmisch vorträgt, die Komponisten Hanna Eimermacher und Vito Žuraj, die Architekten Jan Edler und Thilo Folkerts sowie die bildenden Künstler Eli Cortiñas, Annika Larsson, Hans-Christian Schink und Nasan Tur. Geschenkt wurde ihnen die Freiheit, sich ohne jeglichen finanziellen Druck dem schöpferischen Tun hinzugeben – nur die Nacht im Gropius-Bau ist Pflicht. Wobei auch Arbeiten im Stadium der Skizze zugelassen werden, wie im Fall von Annika Larrson. „Notes“ ist eine Videoinstallation, in denen Filmschnipsel mit nachdenklichen Selbstporträts, Türknäufen, knetenden Händen und zerspringenden Wassergläsern zu einer assoziativen Collage verschränkt werden. Dass das Werk noch nicht abgeschlossen ist, sieht man ihm an. Es ergibt noch kein Ganzes.

Der bayerische Kunsthandwerker und Flechtwerkgestalter Emmanuel Heringer hat die Freiheit genutzt, einmal ein Objekt ohne alltäglichen Nutzen zu gestalten. Sein „Flechter-Ei“ ist ein überdimensionaler Korb, in dem ein Mensch wie in einem sanft wiegenden Kokon verschwinden kann. Nasan Tur hat das passende Werk zum Abend geschaffen. Neonröhren bilden handschriftlich das Wort „Crisis“. Wie eine von einer Häuserfassade abgenommene Leuchtreklame liegt die Installation auf dem Boden. Es ist ein Werk voll Absurdität. Hier wird für etwas geworben, verheißungsvoll in den Glanz des Leuchtstoffs gehüllt, was alles andere als glücksversprechend ist. Stark auch seine Videoinstallation „First Shot“. In extremer Zeitlupe hat der Künstler Menschen dabei gefilmt, wie sie zum ersten Mal mit einer scharfen Waffe schießen. Man sieht ihnen ihr Zaudern an, ihre Scham. Aber auch das triumphale Lächeln nach dem Schuss.

Fotograf Hans-Christian Schink hat in seiner Serie „Aqua Claudia“ Fragmente eines antiken Aquädukts dokumentiert, das immer noch die Peripherie Roms durchzieht. Das ist nicht nur wegen der nüchternen, aber sehr genauen Beobachtung bemerkenswert. Sondern auch, weil er einer der wenigen Stipendiaten des Jahrgangs ist, der sich mit seinem Aufenthaltsort auseinandergesetzt hat. Mit italienischer Kultur.

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