Kultur : Villenkolonie am Wannsee: Arkadien mit Stromanschluss

Christian Schröder

Gediegener lässt sich Bürgerlichkeit kaum denken. Unter den Schuhen der Besucher knarzt das Eichenparkett, von der Stuckdecke mit ihren antikisierenden Reliefs fällt ein mildes Licht auf die cremefarbenen Wände. Hinter Marmorsäulen öffnet sich der rundum verglaster Wintergarten. Durch die Fenster geht der Blick auf Rosenrabatten und ein Kiefernwäldchen. Dahinter schimmert der Wannsee in der Mittagssonne. Eine Idylle. Und ein Tatort. Die neobarocke Villa, die Paul Baumgarten 1914 für den Kommerzienrat Ernst Marlier gebaut hatte, war 1940 von der SS-Stiftung Nordhav gekauft worden. Am 20. Januar 1942 trafen sich hier fünfzehn NS-Funktionäre - unter ihnen Reinhard Heydrich, Adolf Eichmann und der Gestapo-Chef Heinrich Müller - und besprachen die "Endlösung der Judenfrage". Die Runde brauchte neunzig Minuten, um die Ermordung von elf Millionen Menschen zu vereinbaren. Anschließend wurde ein Sektfrühstück gereicht.

Wie die Kulissen einer großbürgerlichen Welt zum Schauplatz des Verbrechens wurde: Auch davon handelt die Ausstellung "Villenkolonien in Wannsee 1870-1945", die im Garten des Hauses der Wannsee-Konferenz - so heißt die Villa Marlier seit 1992 - zu sehen ist. Entlang der Kieswege, die durch das parkartige Gelände führen, sind rund fünfzig Text-und-Bild-Tafeln aufgestellt, die die Bau-, Sozial- und Kulturgeschichte einer versunkenen Epoche auferstehen lassen. Im Gründerfieber des Kaiserreichs stieg die Gegend um den Großen Wannsee zur bevorzugten Sommerresidenz Berliner Großkaufleute und Industriemagnaten auf. 1862 erwarb der Bankier Wilhelm Conrad die Gaststätte "Stimmingscher Krug" an der Friedrich-Wilhelm-Brücke, in dem fünfzig Jahre vorher Heinrich von Kleist abgestiegen war, bevor er sich mit seiner Geliebten Henriette Vogel seeabwärts erschoss. Conrad kaufte weitere 320 Morgen Land, ließ den Gasthof abreißen und errichtete an seiner Stelle ein klassizistisches Wohnhaus, von dem aus er den Ausbau des Terrains überwachte. Für die Ausarbeitung des Straßen- und Parzellierungsplans gewann er den Berliner Gartenbaudirektor Gustav Meyer, einen Lenné-Schüler.

Der Villenvorort sollte ein Pendant der von Lenné verwirklichten Schlösser- und Gärtenlandschaft im benachbarten Potsdam werden: ein bürgerliches Arkadien. Conrad, ein Mann nicht nur des Geldes, sondern auch des Patriotismus, taufte die neue Siedlung "Colonie Alsen", nach der dänischen Festung Alsen, die 1864 vor den preußischen Truppen kapituliert hatte. Eine zinkeiserne Kopie des "Flensburger Löwen", den die Preußen von ihrem Feldzug mitgebracht hatten, ließ der Koloniegründer in einem Park aufstellen. Heute steht der Löwe am Heckeshorn, direkt neben der Wannsee-Villa. Schon zwei Jahre nach der Gründung waren zwölf neue Villen in der Kolonie gebaut, in denen 64 Siedler lebten. 1871 bekam das Arreal eine Wasserversorgung, 1890 ein eigenes Elektrizitätswerk. Da brannten in Charlottenburg noch Gaslaternen. Die S-Bahn, die ab 1874 am Wannsee hielt, taufte der Volksmund "Bankierszug" und "Wahnsinnsbahn auf Conrädern".

Lokalschnurren, Stadtteilanekdoten. Ihr beliebtestes Ausflugslokal bekam die Kolonie, als Conrad 1873 auf der Wiener Weltausstellung den so genannten "Kaiserpavillon" entdeckte. Er ließ das Häuschen, in dem Zar Alexander, Kaiser Franz Joseph und Kaiser Wilhelm miteinander gefrühstückt hatten, zerlegen und am Wannsee wiederaufbauen. In dem Pavillon - an seiner Stelle befindet sich heute der Biergarten "Loretta" - wurden 1901 die Sieger des ersten Autorennens Paris-Berlin gefeiert, mit bengalischem Feuer, Raketen und dem Abspielen von "Marsellaise" und "Heil dir im Siegerkranz". Im ebenfalls in Wien erstandenen "Schweden-Pavillon" installierte das Auswärtige Amt 1940, getarnt als "Rundfunktechnische Versuchsanstalt", die größte Abhöranlage Deutschlands. 500 Mitarbeiter waren damit beschäftigt, Radiosendungen in 36 Sprachen aufzunehmen und auszuwerten. Nach dem Krieg zog der Arbeiter-Samariter-Bund in den Pavillon ein, seit 1997 steht er leer.

Koloniegeschichten, Familiengeschichten. Es war die Creme der Berliner Gesellschaft, die am Wannsee und auf der ab der Jahrhundertwende erschlossenen Halbinsel Schwanenwerder residierte. Max Liebermann kaufte 1909 das letzte freie Wassergrundstück der Kolonie Alsen und baute dort ein Landhaus, das er sein "Schloss am See" nannte. Den prachtvoll blühenden Garten hat er dutzendfach gemalt, ebenso wie den Garten des mit ihm befreundeten Unternehmers Eduard Arnhold, der einer der bedeutensten Kunstsammler seiner Zeit war. Die Villa Liebermann - Architekt: Paul Baumgarten - ist heute Klubhaus eines Tauchvereins. Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der Maler Oscar Begas, der Wörterbuchverleger Carl Langenscheidt, die Porzellansammlerin Hermine Feist: Sie alle hatten ihr Haus am Wannsee. Opfer des Dritten Reiches lebten hier - und Täter. Direkt neben dem Haus der Wannsee-Konferenz ragt die Villa Czapski auf, eine trutzige Backsteinburg. Als die jüdische Familie Czapski in die USA emigrierte, zog Albert Faßbender ein, SS-Hauptsturmführer und "einer der schlimmsten SS-Verbrecher in Warschau" (Eugen Kogon). Die Geschichte hat am Wannsee überall ihre Spuren hinterlassen. Man muss sie nur entdecken.

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