Kultur : Viola Stephans Home Movie aus dem guten, reichen West-Berlin

Daniela Sannwald

Sie hat Hunde, Katzen, Vögel, Fische. Auch Motten und einen Hausangestellten namens Jurek, der ihnen den Garaus machen soll. Sie hat Autos, einen Sohn und eine Rechnung vom englischen Privat-College, an dem er studiert. Sie ist eine attraktive, gepflegte Fünfzigerin, und dann und wann, wenn sie nicht in der Paris-Bar sitzt oder beim Friseur oder bei einem späten Frühstück, produziert sie große, bunte Keramikschalen. Sorgen hat sie keine, sieht man von den Motten, dem ausbleibenden College-Zeugnis und ihren nicht wunschgemäß wachsenden Augenbrauen einmal ab. Und das gönnt man ihr, weil sie in ihrem zerfahren-witzigen Habitus eigentlich ganz sympathisch ist.

Sie hat auch noch eine Freundin, die Filme macht: Viola Stephan. Frau Stephan porträtiert in diesem so genannten Dokumentarfilm ihre Freundinnen. Und auch wenn sie immer wieder Leitfragen stellt - "Was hat man vor zwanzig Jahren gedacht, wie das Leben wird?" oder "Hat man sich bewusst für den jetzigen Lebensentwurf entschieden?" - bleibt der Erkenntnisgewinn gering. Denn Frau Stephans Freundinnen sind, mit zwei Ausnahmen, saturierte, eingefleischte Westberlinerinnen, die, von Selbstzweifeln und Reflexionen weit entfernt, ihr Leben zwischen Leysieffer und Vernissagen verbringen und es mit Flohmarkt-Schnäppchen und Inneneinrichtungsproblemen ein wenig aufregender gestalten. Sollte es da doch noch etwas anderes geben, hat Frau Stephan es ausgelassen. Da sie das selbst zu ahnen scheint, hat sie gelegentlich Goethe-Zitate in ihren Film eingearbeitet. Die wirken allerdings so belanglos und beliebig wie der gesamte Kontext. Und wenn dann doch einmal ein wenig Nachdenklichkeit aufkommt, fragt man sich, ob diese Szenen aus Versehen im Film geblieben sind.

Generell wird viel gelacht, halb verlegen, halb selbstgefällig, als ob man sich der eigenen Privilegiertheit wenigstens pro forma ein wenig schäme. Und es wird herumgedruckst. Offenbar hat nämlich keine der Frauen das Gefühl, Herrin ihres eigenen Schicksals zu sein. Alles "kam so", man ist "in etwas hineingerutscht", "es hat sich etwas ergeben" - die Beiläufigkeit, mit der sie die eigenen Biographien kommentieren, wirkt nicht überzeugend. Vielleicht deshalb, weil sich angesichts von so viel Wohlstand doch ein schlechtes Gewissen meldet? Denn zu arbeiten scheinen die Damen nicht. (Geschiedene) Ehemänner und Väter, so ahnt man, springen ein. Das alles spricht nicht gegen Viola Stephans Freundinnen, die ihr Leben nach Kräften genießen. Auch nicht gegen Viola Stephan selbst, die sicher viel Spaß beim Drehen hatte und danach - beim schicken Italiener. Aber ihr Film geht weder ästhetisch noch inhaltlich über ein home movie hinaus. Und genau so wie man mit der fotografischen Dokumentation von Urlaubserlebnissen nur diejenigen behelligen sollte, die dabei waren, hätte Frau Stephan einen 35-mm-Projektor auftreiben und sich einen weiteren netten Abend mit ihren Freundinnen machen sollen. Ins Kino gehört ihr Film nicht.Filmbühne am Steinplatz

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