Kultur : Virtuelle Fahrt durch die Daten-Stadt

ANNETTE WLAZ

Orange auf Schwarz leuchten die Lettern auf der Wand - einer Wand, die den direkten Zugang zur Galerie Aedes-East blockiert und das Tageslicht aussperrt."Metacity / Datatown" lauten die Worte, die da leuchten und ins Dunkle der Galerie locken.Junge niederländische Architekten, die sich kurz "MVRDV" nennen und mittlerweile als shootingstars der Architektur gelten, wagen es hier, die Zukunft der Stadt zu beschreiben - die Metastadt, die infolge sich ständig erweiternder Kommunikationsnetze und sich daraus ergebenden Verknüpfungen und Verflechtungen immer wahrscheinlicher wird.Längst sei es fällig, sich auch architektonisch und städtebaulich der immer komplexer werdenden Welt anzunehmen und in Bauplanungen zu berücksichtigen.Die Architektengruppe MVRDV wolle mehr wagen als die meisten ihrer Kollegen, die ihr Augenmerk fast ausschließlich auf das Einzelobjekt richten, anstatt sich mit den räumlichen Implikationen dieses globalen Prozesses zu befassen.So steht es in dem der Ausstellung vorangestellten Manifest, in der Kritik anklingt, aber auch zum Aufbruch gerufen wird.

Die Architekten um Winy Maas, dem wohl bekanntesten Vertreter der jüngeren niederländischen Architektengeneration, schufen eine Datenstadt zum besseren Verständnis dieser Metastadt.Diese Datenstadt ist eine künstliche Stadt, autark, ohne Ideologie und Geist, ohne auf topographische Eigenheiten Rücksicht zu nehmen - eine Stadt, die zum Vergleich numerischer Größen konstruiert wurde.Durch die Umwandlung der Daten in Architektur werden sie anschaulich.3-D-Projektionen schwirren durch den Raum und werden gebündelt in einem Quadrat aus zusammengestellten Leinwänden, in das sich der Besucher hineinbegeben kann.Hier erfährt er in spektakulären Fahrten, welche Ausmaße es hätte, wenn die Weltbevölkerung in nur einem Gebäude leben würde, wie viele Menschen leer ausgingen, wenn man die Stadt mit Einfamilienhäusern zupflastern würde, um wieviel Müllberge den zivilen Raum überragten, wiese man ihnen nur eine bestimmte Grundfläche zu.Auch wenn diese Datenstadt nur ein Konstrukt numerischer Erkenntnisse ist, soll sie zu einer "Neuorientierung architektonischer Praxis", einer globaleren Sicht des Bauens, anregen, so das erklärte Ziel der jungen Visionäre.

Spannend ist der hintere Teil der Galerie, in dem Modelle von MVRDV-Projekten hängen.In ihnen das Bauumfeld, zu dem für MVRDV vor allem gesellschaftliche Problematiken zählen, oftmals mitberücksichtigt: etwa beim Amsterdamer Seniorenheim, das durch gewagte Überhänge auffällt, die wie offenstehende Schubladen aus der glatten Fassade ragen, - eine Maßnahme weniger der Optik als der Raumschaffung.Dreizehn zusätzliche Wohnungen zieren nun als Anhängsel die Fassade.

Weniger dem Realismus als poetischer Formen haben sich die 34 Landschaftsarchitekten von "West 8" verschrieben - ebenfalls junge Planer aus den Niederlanden, deren Entwürfe derzeit in der Galerie Aedes-West vorgestellt werden.Zwitterwesen erfahren durch die Land-Art-Poeten neue Funktionen.Brückenkonstruktionen ähneln Dinosauriergerippen, die sich in sanften Kurven über Landschaftparks und Gewässer spannen.Zu Eisen gewordene Baumstümpfe, die von innen heraus das Gelände unter Bahntrassen an der Peripherie Amsterdams beleuchten, schaffen bei Dunkelheit eine warme, märchenhafte Atmosphäre.Vierzehn verwinkelte Stahlskulpturen, papiergefalteten Kranichen ähnelnd, versorgen den Rotterdamer Wochenmarkt auf dem Visserijplein mit Strom.

Aedes-East, Rosenthaler Str.40/41 (Hackesche Höfe), bis 19.April; Aedes-West, Savignyplatz, bis 15.April.

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