Kultur : Virtuos um jeden Preis

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Es fällt immer schwerer, Nigel Kennedy als enfant terrible ernst zu nehmen. Zwar hat der Geigenvirtuose im Bereich der Frisurenmode auf klassischen Konzertpodien Pionierarbeit geleistet. Doch was bedeutet das in einer Zeit, wo man den Kennedy-Schnitt bei Wilmersdorfer Barbieren als „Irokesen fürs Büro“ bestellen kann?

Jetzt präsentierte er sich allerdings - weiß geschminkt - mit drei ausgewiesenen polnischen Spezialisten für modernen Klezmer in Berlin: Open Air vor der Alten Nationalgalerie in Berlin als „Kennedy-Kroke-Quartett".

Das Klezmer-Projekt bot Hoffnungen für diejenigen, die an dem Mann vor allem der technisch wie musikalisch durchaus auffällige Geiger interessiert.

Schließlich ist Klezmer die Musik aller derjenigen, die es sich zwischen den Stühlen bequem machen (müssen). Der zeitgenössische Ansatz der Krokes mit geräuschhaften Klängen und elektronischer Klangmanipulation eröffnete Kennedy zudem stärkere Ausdrucksmöglichkeiten: So kann er im „Contemporary Klezmer" die elektronische Violine authentisch aufjaulen und doch wieder bei schlichten serbischen Volksmelodien das Schönste seines Könnens, den feinsilbrigen introvertierten Ton seines klassischen Instruments hören lassen. Doch insgesamt litt auch dieser Abend an Kennedys Zwang, als Virtuose im Mittelpunkt zu stehen: So viel Oberstimme hielten weder die Arrangements aus, noch vermochte das Übermaß an pseudo-virtuosem Tremolo sowie etliche Intonationsunreinheiten und nachlässige Läufe dauerhaft zu fesseln. Zurück im Hotel soll Kennedy übrigens noch bis spät in die Nacht gejamt haben.Carsten Niemann

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