Kultur : Visionär, attraktiv und profitabel - Guggenheim Bilbao ausgezeichnet

Bernhard Schulz

Über die Maßen erfolgreich ist das Guggenheim-Museum im nordspanischen Bilbao. Die Kritik an der Finanzierungsvereinbarung, die zur Eröffnung des von Frank Gehry entworfenen Ausnahmebauwerks im Herbst 1997 noch die grummelnde Begleitmusik bildete, ist verstummt. Nun wurde dem spanischen Haus der "Europäische Museumspreis des Jahres 2000" zuerkannt und zum Abschluss der Jahrestagung des European Museum Forum im Bonner Haus der Geschichte verliehen.

Das Museum habe "seine Vision ohne jeden Kompromiss hinsichtlich seiner Maßstäbe" verwirklicht, betonte die Jury. Hervorgehoben wurden die ausführliche Besucherforschung, die Aus- und Weiterbildungsangebote sowie der Aufbau eines Museumsnetzwerks. Guggenheim Bilbao beweise, "dass Kunst und Kultur ökonomischen Erfolg und öffentliche Qualität gleichermaßen" bewerkstelligen könnten.

Die "Besonderen Erwähnungen", die in Bonn neben dem Hauptpreis ausgesprochen wurden, spiegeln die Vielfalt der europäischen Museumsszene. Da wurden das Samen-Museum im finnischen Inari, das Wiederaufbaumuseum im norwegischen Hammerfest, das "Visionarium", ein science center in Nordportugal, oder das Tolstoi-Museum am berühmtem Landsitz des Dichters in Jasnaja Poljana gewürdigt. Die Jury wird sich ihr Urteil schwer gemacht haben, so ideenreich und engagiert präsentierten sich die Kandidaten.

Das European Museum Forum wurde 1977 ins Leben gerufen; es wendet sich an alle Museumssparten, ob Kunst-, Technik-, Naturkunde- oder Geschichtsmuseen, und natürlich zählen die zahllosen Spezialmuseen dazu, die sich der Leidenschaft einzelner Enthusiasten verdanken. 1978 fand die Jahrestagung erst- und bislang einmalig in Deutschland statt. Jetzt war das Bonner Geschichts-Haus, selbst 1995 und damit nur ein Jahr nach der Eröffnung mit dem Europarats-Preis ausgezeichnet, der Gastgeber der dreitägigen Versammlung. Der diesjährige Europaratspreis geht an das In Flanders Fields Museum im belgischen Ypern, einem Haus, das über die furchtbare Zerstörung der Stadt hinaus den Ersten Weltkrieg als "europäische Tragödie" aus der Perspektive der Leidtragenden darstellt.

Es war eine Reverenz an den Preisträger wie an das gastgebende Haus, dass sich am Abschlusstag eine Podiumsdiskussion mit der Darstellung zeitgenössischer Geschichte befasste. Ist der Verlauf des 20. Jahrhunderts nur einer von Kriegen und Katastrophen? Manfred Rauchensteiner, Leiter des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien, blieb da gelassen. Tom Freudenheim, dessen Ausscheiden aus dem Jüdischen Museum Berlin gerade bekannt geworden war, wusste Erfahrungen mit politischen Pressionen in den USA beizusteuern. Man mag auch das als Symptom für die Bedeutung des Museums in einer vermeintlich mediensüchtigen Gesellschaft verstehen.

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