Kultur : Visionen aus dem Dunkeln

RAOUL FISCHER

Ein Koan muß man kauen - obwohl man es nicht essen kann.Koan, das ist ein Satz, den fortgeschrittene Schüler des Zen-Buddhismus von ihrem Meister auf den Weg bekommen.Meistens ohne direkten, logischen Sinn, erschließt sich seine tiefere Bedeutung erst durch langes "Kauen".So rätselhaft wie enträtselbar muten auch die Werke des Malers Edgar Ende (1901-1965) an.Die Ausstellung "Visionen aus dem Dunkel" im Rathaus Wedding und in der Otto-Nagel-Galerie zeigt Bilder fremder Welten.Man möchte die Augen schließen, um dahinter schauen zu können.

Edgar Ende wächst als Sohn armer Leute im Hamburger Hafen auf.Eine junge Künstlerin in der Nachbarschaft fördert seine ersten Malversuche.Mit 13 Jahren beginnt er eine Ausbildung zum Dekorationsmaler, bevor er mit 15 in die Kunstgewerbeschule von Altona eintritt.Ende studiert heimlich Philosophie und ist an der Gründung des Geheimbundes "Der weiße Schwan" beteiligt.Als Kind hat er ein seltenes Naturschauspiel erlebt: Eine Sonnenfinsternis taucht die Welt in dämmriges Licht, das dennoch von oben fällt.Dies und seltsame, mirakulöse Kräfte ausströmende Steine und Quarze, die die Großmutter aus dem Riesengebirge schickt, mögen sein Interesse für kosmologische Theorien, für Mythologie, Mystik und Okkultes geweckt haben: Interessen, die sich in in seinen Bildern wiederfinden.Geheimnisvolles Licht, mythologische Figuren, das Spiel mit der Perspektive: Endes Bilder wirken wie Bühnen, auf denen sich verschiedene Welten ineinanderschieben, nebeneinander stehen, oder die Welt hinter dem sinnlich Wahrnehmbaren zeigen.

Nach einer gescheiterten Ehe reist der Künstler einer flüchtigen Liebe hinterher und landet schließlich in Garmisch.Dort heiratet er die neun Jahre ältere Luise Bartolomä, im November 1929 wird sein später als Autor ("Momo", "Die unendliche Geschichte") Berühmtheit erlangender Sohn Michael geboren.Es ist seine kreativste Periode, in der viele berühmte Bilder entstehen, wie zum Beispiel "Die schwebende Mauer" (1933).Ende entwickelt eine ungewöhnliche Arbeitsweise.Er verdunkelt sein Atelier, versucht, frei von inhaltlichem Denken und Vorstellungen zu werden.So können in ihm Bilder aufsteigen, die er auf sogenannten "Dunkelkammerskizzen" festhält.Ein Schlittschuhläufer zieht am Himmel seine Kreise ("Der Schlittschuhläufer", 1930), ein Bild, dem Sohn Michael ein Kapitel in seinem Buch "Der Spiegel im Spiegel: ein Labyrinth" gewidmet hat.Auf einem anderen Bild kommt ein Jüngling in koketter Pose über eine Brücke, gefolgt von einer Phalanx aus Löwe, Pferd und Stier, dahinter droht ein düsterer Himmel ("Der Jüngling mit den Tieren", 1936).Personen und Gegenstände stehen in einem ungewöhnlichen Verhältnis zueinander und zu ihrer Umwelt.Man kann in diese Welten nicht einfach einziehen.Die Bilder verschließen sich festgelegten Denkschemata, sie wirken wie surreale, märchenhafte Visionen.

Von den Nazis als entartet abgestempelt, erhält Edgar Ende 1936 Malverbot.Zudem gehen viele seiner Bilder im Krieg verloren.So mußte er sich nach 1945 wieder ein neues µuvre schaffen.Stilistisch knüpft er an die Zeit vor dem Krieg an, erst später - gerade bei den Gouachen - werden seine Farben kräftiger.Volker Kinnius, Kurator der Ausstellung in Wedding und Nachlaßverwalter Endes, vermutet zwei Gründe.Erstens habe Ende in dieser Zeit seine dritte, viel jüngere Frau geheiratet, und zweitens habe der damals 22jährige Michael den Vater dazu angeregt: "Er meinte, farbigere Bilder verkauften sich vielleicht besser", so Kinnius.

Als Ende 1965 stirbt, ist er wieder ein bekannter Maler, und hat sich an vielen Ausstellungen beteiligt, unter anderem drei Mal an der Biennale in Venedig.In seinen letzten Jahren lebt er im alten Schulhaus in Netterndorf bei München, das er nach einer Wiedergutmachung durch die Bundesrepublik gekauft hat.

Kunstamt Wedding, im Rathaus Wedding und in der Otto Nagel Galerie, bis zum 26.3., Mo-Fr 11-19 Uhr, Katalog 30 Mark.

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