Kultur : Visionen, Revisionen

Was das Berliner Theatertreffen bewirken kann. Zur Eröffnung des Festivals / Von Henning Rischbieter

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40 Jahre Theatertreffen, das sind vier oder fünfhundert Aufführungen. Um diesen grellbunten und mausgrauen Riesenstrauß ist kein einigendes Band zu winden. Ich beschränke mich auf ein paar Anmerkungen zu den ersten Jahrzehnten. Die erste: Im heißen Mai des Jahres 1968 hatte ich vorm noch geschlossenen Vorhang des Theaters am Kurfürstendamm als Jurymitglied die Eröffnungsrede zu halten. Ich fragte damals, ob denn in diesem Frühjahr noch die rechte Zeit sei, theatralische Feste zu feiern – zwischen Notstandsdebatten, Studentenrevolte?

Demgegenüber rechtfertigte ich das Theatertreffen: unter den ausgewählten Aufführungen seien harte, ja aggressive. Mein Paradebeispiel war damals Peter Zadeks Bremer Inszenierung von „Maß für Maß“ – sehr frei nach Shakespeare: „Es ist die einzige Klassikerinszenierung und es ist keine Klassikerinszenierung, besteht doch Peter Zadek zurecht darauf, auf der Basis von Shakespearschen Figuren und Situationen frei assoziiert zu haben. Zadeks Ehrlichkeit geht sogar soweit, sein Scheitern gegenüber der schlussendlichen Harmonisierung bei Shakespeare grell auszustellen. Unser gestörtes Verhältnis zur Klassik als Klassizität, also als Beruhigung in der Form, wird paradigmatisch vorgeführt. Was steht gegen Zadeks artistisch entfesseltes, aber untergründig heftig zeitbezogenes Theater? Becketts Klassizität, sein endgültiges Verzweiflungsspiel, von ihm selbst inszeniert, und Kortners serenes, komisch durchwirktes Spiel vom Untergang männlicher Ratio: „Der Vater“."

Der Wettlauf

Nach diesen Worten entwich ich nach hinten durch den diskret gelüfteten Vorhang – und stieß auf Fritz Kortner selbst. Der alte Löwe saß auf dem Sofa inmitten der Dekoration seiner „Vater“ -Inszenierung, das Gesicht abgezehrt und bleich. Er winkte mir müde zu, als ich mich an ihm vorbeidrückte. Kortner und Zadek, zwei deutsche Juden, aus dem Land getrieben von den Nazis und doch zurückgekehrt, ohne sie ist unser Nachkriegs-Theater, also auch das Theatertreffen nicht als gerechtfertigt zu denken.

Übrigens: Es gibt das Theatertreffen eigentlich erst seit 1964, also seit 39 Jahren. 1963 wurden bei den herbstlichen Berliner Festspielen fünf westdeutsche Inszenierungen gezeigt, ohne besonderes Etikett. Es war das aber ein beabsichtigter Vorlauf. Zu den fünfen gehörten Arbeiten der beiden schon dazu: Kortners Münchner „Othello“ und, ein mutiger Entscheid, Zadeks Ulmer Inszenierung der „Geisel“ von Behan, ein provokanter und lebensdurstig-überrennender Abend aus tiefster Stadttheater-Provinz.

Zu diesem unetikettierten Probelauf 1963 hatten sich die Berliner Kulturpolitiker, der Kultursenator Tiburtius und sein Theaterreferent Carl Werckshagen, auch entschlossen, um einen Wettlauf zu gewinnen. Es gab nämlich den Plan, von Piscator und Buckwitz betrieben, in Frankfurt am Main jährlich eine deutsche Theaterolympiade – so sollte das tatsächlich heißen – zu veranstalten. Tiburtius also lud im Gegenzug im Winter 62/63 sechs Kritiker nach Berlin ein: Friedrich Luft, Walther Karsch, Siegfried Melchinger, Albert Schulze Vellinghausen, Friedrich Torberg, fünf ältere Koryphäen also, und mich als unbedarfteren jüngsten. Der Plan stammte von Melchinger. Sein Grundgedanke: Berlin sei bis 1944, bis zur Schließung der Theater durch die Nazis, der unbestrittene Hauptort des deutschsprachigen Theaters gewesen, und alle ehrgeizigen Theaterleute befanden sich im Wettbewerb darum, nach Berlin zu gelangen und sich dort zu behaupten. Diese fordernde und förderliche Konkurrenzsituation müsse mindestens einmal im Jahr wiederhergestellt werden – mittels eines Auswahlgremiums aus Kritikern.

Das Streitgespräch

Die emotionsgeladene Debatte darüber, ob denn angesichts des manchmal auch nicht nur freundlichen Verhältnisses zwischen Theaterproduzenten und Kritikern diese Kritiker bei der Auswahl ausschlaggebend sein sollten, ist in den folgenden Jahrzehnten immer wieder aufgeflackert. Bis hin zu einer heftigen Zuspitzung am Beginn der achtziger Jahre. Da forderten gerade die Theaterleute, deren Aufführungen öfters ausgewählt worden waren, Peter Zadek, Claus Peymann, Niels-Peter Rudolph, Ernst Wendt und andere die Ablösung der Kritiker-Jury oder vielleicht auch nur ihre Teil-Entmachtung. Das führte bis zu einem rammelvollen öffentlichen Streitgespräch in der Freien Volksbühne, aber letztlich nur zu gelinden, keinesfalls prinzipiellen Reformen, darunter der Verkleinerung der Kritikerjury. Nicht in den Streit mischte sich der Regisseur, dessen Inszenierungen die Jury besonders oft ausgewählt hatte, nämlich Peter Stein. Er ließ sich – Hochmut oder Desinteresse? – von Jürgen Schitthelm, dem Gesellschafter und Geschäftsführer der Schaubühne vertreten.

Zwei Jury-Entscheidungen der 60er Jahre haben markant gezeigt, was die Präsentation vor dem denn doch neugierigen und auch sachverständigen Theatertreffen- Publikum bewirken kann. 1965 inszenierte Rudolf Noelte in Stuttgart Tschechows „Drei Schwestern“. Die leise Eindringlichkeit, die lastenden Pausen, die Postierung der Personen in weiten Distanzen zueinander, mit denen Noelte seine Vision stockenden, vergeblichen Lebens vorführte, das alles war auf das Unverständnis nicht nur des Stuttgarter Publikums, sondern auch der lokalen Kritik gestoßen. Die Jury holte sie nach Berlin. Hier triumphierte sie. Noeltes einsamer Rang als Regisseur war erkannt worden.

Fritz Kortner inszenierte 1969 im Hamburger Deutschen Schauspielhaus Goethes „Clavigo“. Das Haus steckte in einer Krise, Kortner wälzte den melodramatischen Schluss des Stückes zeremoniell aus. Publikum und Hamburger Presse fielen vor der Aufführung durch. Die Präsentation aber beim Theatertreffen revidierte das Hamburger Urteil grundlegend. Die Insistenz, die Unnachgiebigkeit der Nuancen, mit der Kortner den Dialog der machtbesessenen Journalisten geführt hatte, wurde erkannt und bejubelt. An diesen beiden Extrem-Beispielen zeigt sich, was des Theatertreffens wichtigste Funktion sein kann – auch heute noch.

Die Rede des Berliner Theaterwissenschaftlers und Kritikers Henning Rischbieter, hier leicht gekürzt, wurde gestern Abend nach der Eröffnungsvorstellung von „Emilia Galotti“ im Festspielhaus gehalten. – Alle Vorstellungen des 40. Theatertreffens sind bereits ausverkauft.

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