Kultur : Visum für die Fantasie

Schrill, schräg und hochprofessionell: Pipilotti Rist ist ein Star der Multimedia-Szene. Am Mittwoch erhält die Schweizer Videokünstlerin den „01 Award“ der Berliner Universität der Künste.

Nicola Kuhn

Ein Mobile der besonderen Art: Leere CD-Hüllen, durchsichtige Plastikverpackungen, ein transparenter Fächer baumeln im farbigen Licht. Die merkwürdige Kollektion hängt am abgesägten Ast eines Apfelbaums; durch sie hindurch scheint die verzerrte Projektion eines Videos, bei dem erst nach längerem Hinsehen Kamerafahrten auf Sonnenuntergänge, Meer, Himmel, Wüste zu erkennen sind. Doch da hat der Betrachter dieser poetischen Installation seine Gedanken längst selbst auf Reisen geschickt und braucht nicht mehr das Wissen um die konkret gezeigten Orte. Er steht inmitten einer Videoarbeit von Pipilotti Rist und zugleich am Ende eines Ausstellungsparcours.

Wer in Berlin von der wohl bekanntesten Schweizer Videokünstlerin ein Werk kennen lernen möchte, hat derzeit Glück: Er braucht nur die große Video-Ausstellung „...lautloses irren, ways of worldmaking, too..." im historischen Postbahnhof in Friedrichshain aufzusuchen. Zu den Beiträgen der 27 Teilnehmer gehören Loops mit Löwen in freier Wildbahn, das Oval Office, verzweifelte Broker. Und doch wird der Besucher am Ende magisch in Pipilotti Rists träumerische Bilder gesogen und behält sie als stärksten Eindruck in Erinnerung.

Nach ihrem fulminanten Auftritt vor fünf Jahren mit einer großen Retrospektive im Hamburger Bahnhof wird die 41-Jährige nun nicht nur mit einem Ausstellungsbeitrag, sondern wieder persönlich in der Stadt erwartet. Die Universität der Künste verleiht ihr zusammen mit der Deutschen Bank nach Brian Eno und zuletzt Shirin Neshat den „01 Award", der mit einer Ernennung zur Honorarprofessorin verbunden ist. Die Studenten des Medien-Studiengangs haben dadurch das Glück, eine der profiliertesten Künstlerinnen ihres Fachs unmittelbar zu erleben. Zuvor darf man allerdings gespannt sein, in welchem Outfit die „Madonna der Videokunst“, wie sie auch genannt wird, die Auszeichnung entgegennimmt. Denn ähnlich wie die amerikanische Popsängerin ist Pipilotti Rist ein Verwandlungstalent. Mal präsentiert sie sich schrill im Paillettenkostüm, dann wieder kindlich-verspielt im Matrosenanzug oder wie bei ihrem letzten Berlin-Besuch in weißem Hemd, dunkler Krawatte und Hose als „Typ neurotischer Manager", wie sie damals erklärte.

Dabei ist es durchaus möglich, dass ihr Berliner Auftritt diesmal eher unspektakulär ausfällt. In den vergangenen beiden Jahren ist es um die Schweizer Kunstbetriebsnudel stiller geworden, seit sie mit Mann und Söhnchen Himalaya nach Los Angeles übergesiedelt ist und dort an der University of California unterrichtet. Der dezenteren Pipilotti entspricht auch die im Postbahnhof gezeigte Arbeit „Apple Tree Innocent on Diamond Hill“ (2003), in der Farben und Formen die Hauptrolle spielen, sie selber keinen ihrer exzentrischen Auftritte mehr hat.

Bekannt machte Pipilotti Rist das Werk „Pickelporno“ (1992), in dem sie mit einer winzigen Kamera über menschliche Körper fährt. Sie zeigt Brüste wie Bergmassive, Haare wie struppige Wälder, Hautfalten wie Schluchten, einen Mund-Krater und buntschillernde Augen-Seen, schwärmte damals die Kritik. Hier verband endlich jemand Avantgardekunst mit Sinnlichkeit, neue Medien mit feministischen Standpunkten. In ihren Videos durfte der Betrachter wieder Kind, Träumer, sinnenfroher Genießer sein, was aufs Schönste ihre 1996 auf der Berliner „artforum“ gezeigte Installation „Das Zimmer“ (1994) vermittelte: Die Messebesucher mussten auf überdimensionale rote Ledersessel klettern, um sich das „Pipi TV“ anzuschauen, und schlüpften damit zurück in die Zeit, als sie sich selbst noch um den besten Platz auf dem elterlichen Sofa balgten.

Doch was so einfach und unbekümmert erscheint, ist es beileibe nicht. Das hat die Schweizer Künstlerin, die nicht nur Videos produziert und pfiffige Installationen konzipiert, sondern von 1988 bis 1994 auch als Mitglied der Band „Les Reines Prochaines“ Auftritte hatte, immer wieder betont: „Je leichter etwas am Ende aussieht, desto schwerer war oft der Weg dorthin.“ Der lustige Name Pipilotti, den die gebürtige Charlotte sich in Kindertagen aus Verehrung für die Astrid-Lindgren-Figur Pipi Langstrumpf zulegte, führt bewusst in die Irre. Die zierliche Künstlerin hat – ganz Schweizerin – ein hohes Arbeitsethos und ihr Metier von der Pike auf gelernt: Nach einem Studium in angewandter Kunst, Illustration und Fotografie in Wien und weiteren Lehrjahren an der Baseler Schule für Design produzierte sie sechs Jahre lang beim Pharmakonzern Ciba-Geigy Schulungsfilme über Blutkörperchen und Bypass-Operationen.

Das Gluckern und Glucksen, das ihre eigenen Arbeiten begleitet, das Sprudeln und die farbigen Schlieren könnten einem also bekannt vorkommen. Gemischt mit musikalischen Elementen und MTV-Ästhetik, dazu bewusst eingebauten Bildstörungen, das alles ergibt den besonderen Sound, die unverwechselbare Sinnlichkeit ihrer Videokunst. Und ein Drittes kommt hinzu: Pipilotti Rist hat ein Gespür für poetische Motive. Wer jemals ihre Installation „Sip My Ocean“ (1996) sah, der wird die Bilder nicht mehr vergessen – ein Spielzeug-Wohnwagen, eine Kupferkanne, ein buntes Plastikherz trudeln dem Meeresgrund durch die glitzernden Fluten entgegen. Gerade darin besteht die besondere Qualität ihrer Videos, die Bilder aus dem Unbewussten abrufen, den Betrachter in Trance zu versetzen vermögen.

Und doch ist die Künstlerin selbst keine Träumerin. Eine andere Installation, die dauerhaft in Berlin zu sehen ist, wenn sie denn funktioniert, zeugt von diesem höchst kreativen Widerspruch: Für die Schweizer Botschaft schuf sie als „Kunst-am-Bau-Projekt“ vor drei Jahren eine Papiermaschine, die durch einen Deckenschlitz im Zehn-Minuten-Takt Gedichte auf den Besucher flattern lässt. „Geburt ist Zufall“, steht da unter anderem zu lesen. Ganz nebenbei gibt die Künstlerin damit ein politisches Statement ab. „Jeder sollte das Recht haben, in dem Land zu leben, in dem er leben möchte.“ ist die Wahl-Amerikanerin überzeugt. Ihre Kunst jedenfalls ist ein Visum für das Reich der Fantasie.

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