Kultur : Vitra-Design-Museum: Erinnerungen an die Zukunft

Moritz Schuller

Mit Mamah Borthwick Cheney, seiner Geliebten, kam Frank Lloyd Wright 1909 nach Berlin, um über eine Werkmonographie zu verhandeln. Seine Frau und sechs Kinder hatte er im selbst entworfenen Haus in Oak Park, Illinois, zurückgelassen. Quasi über Nacht war er mit der Frau eines Klienten nach Europa aufgebrochen und hatte sein Architekturbüro an Herman van Holst übergeben. Ein Jahr verbrachte Wright in Paris und in Fiesole oberhalb von Florenz, dann kehrte er nach Amerika zurück. Doch Frank Lloyd Wright hat in Europa nie gebaut.

Der große Baumeister der Moderne blieb ein amerikanischer Architekt: sein typisches Prärie-Haus mit dem flachen, auf den Horizont des amerikanischen Westens heruntergezogenen Dach und seinen offenen Innenräumen hat er nie für einen europäischen Kunden gebaut, fast alle von ihm entworfenen Bürogebäude, öffentliche Bauten und Privathäuser stehen in Amerika. Sein eindrucksvolles Imperial Hotel in Tokio ist inzwischen abgerissen.

1958, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte Wright "Die Lebendige Stadt", mit dem er an sein früheres Buch "Die Verschwindende Stadt" anknüpfte. Was wirken mochte wie das magnum opus seiner Laufbahn, unterstrich einmal mehr das leidenschaftliche Interesse dieses einflussreichen wie umstrittenen Visionärs an Fragen der Stadtplanung. Wright hatte erst spät in einer von einzelnen Gebäude- und Ausstattungsentwürfen geprägten Karriere damit begonnen, seine architektonischen Ideen in einen urbanen Zusammenhang zu stellen. Beeindruckt vom zunehmenden Einfluss des Automobils und der modernen Massenkommunikation, nahm er die Herausforderung an, für die in Bewegung geratene Gesellschaft ein Gemeinschaftsleben zu entwickeln: Die zunehmende Mobilität, verkündete Wright damals voller Euphorie, "hat einem freien Volk seine Freiheit wiedergegeben."

Die Ausstellung des Vitra-Design-Museums, vor einigen Jahren schon für das Haupthaus in Weil am Rhein konzipiert, konzentriert sich auf den unverwirklichten Wright und seine stadtplanerischen Vorstellungen einer "lebendigen Stadt". Natürlich ist auch ein frühes Modell seines Guggenheim-Museums zu sehen, natürlich wird dem wohl bekanntesten Privathaus Wrights, Haus Fallingwater in Bear Run, Pennsylvania, einiger Platz eingeräumt, wie auch dem ebenfalls zu recht berühmten Bürogebäude für die S.C. Johnson & Son Company in Racine, Wisconsin. In allen diesen Entwürfen zeigt sich Wright als ein Meister des Innenraums, den er öffnet, im Prärie-Haus um den Kamin herum, in seinen Bürogebäuden zum Großraumbüro, und den er als ausgezeichneter Innenarchitekt durch ein authentisches Zusammenspiel mit der Einrichtung aufwertet. Der bekannte Metallschreibtisch aus dem Johnson Büro, die hohen Holzstühle sind zu sehen, aber auch die Details seiner Fenster, sein Porzellan und, als Reproduktion, ein wunderbar geometrischer Teppich aus dem Meyer May Haus.

In den Mittelpunkt rückt dennoch das städteplanerische und - weil kaum realisierte - fiktionale Werk Frank Lloyd Wrights. "Organic architecture", sagt Wright, "is the architecture of freedom." Und das bedeutet für ihn die Auflösung urbaner Grenzen, wie gleichermaßen sein Vorhaben einer "destruction of the box" die architektonischen Möglichkeiten des Privathauses zu erweitern suchte. Die "lebendige Stadt" wirkt noch heute so, als ob er unserer Zeit um Dekaden voraus gewesen wäre: suburbane Zergliederung und das Ende der traditionellen Innenstädte. Gemeinschaft sollte nicht mehr durch den Standort vermittelt werden. In dem Entwurf "Broadacre City", wie Wright seine Stadt der Zukunft nannte, präzisierte Wright einige seiner Ideen: Die Wohnhäuser und Gemeinschaftseinrichtungen waren gleichmäßig verteilt, die Wohnhäuser mit 1 Acre Grundstücksfläche pro Wohnhaus und Familie ein "demokratisches Maß". Hubschrauber, die überall landen können, sollten das Flugzeug ersetzen und alle Großbauten mit einem Garten umgeben sein. Auf den Zeichnungen von Broadacre finden sich die Armaturen der klassischen Landschafts-Utopie: Blasengeformte Fahrzeuge auf drei Rädern, geometrische Wohnstrukturen, Antennen und Flugobjekte aus dem Inventar der Science-Fiction. Eine lebendige Stadt der besonderen Art und nicht unumstritten: Für den Kunsthistoriker Meyer Shapiro war der Entwurf typischer Ausdruck "eines physischen und geistigen Verfalls".

Doch Wright hatte Broadacre nie als Stadtplan konzipiert, den es umzusetzen galt. Vielmehr sollte es die Beziehungen von Mensch, Natur und Institution in ein ideales, harmonisches Verhältnis setzen. Diese Geschlossenheit wird durch das Modell der living city verständlich, in dem das Vitra-Museum einige von Wrights Entwürfen zu einer im doppelten Sinne erfundenen Stadt zusammengefasst hat. In diesem riesigen Studienmodell aus Holz, in dem der Architekt George Ranalli viele unverwirklichte Projekte Wrights kombiniert hat, wird der elegante Einklang zwischen Architektur und Landschaft deutlich, zugleich aber auch der verschwenderische, zersiedelnde Umgang mit dem Gelände. Wrights Idealismus scheint vom amerikanischen Westen genährt: Raum ist eine Ressource im Überfluss. Und so erhob sich in Europa damals der Vorwurf, Wright sei verantwortlich für die "Mode des Horizontalen".

Wright selbst verbrachte, nachdem er seine Frau verlassen hatte, den Rest seines Lebens in Wisconsin. Immer wieder hat er sein dortiges Haus Taliesan erweitert und umgebaut und nach einem Großbrand, an dessen Folgen Mamah Borthwick starb, wieder neu errichtet. Auch Taliesan, auf einer Hügelkuppe in der Nähe von Spring Green gebaut, fügt sich elegant und widerstandslos in die Landschaft ein. Das Haus blieb sein Experimentierfeld, dorthin kehrte er immer zurück. Nach einem längeren Aufenthalt in Los Angeles, wo ihm bewusst wurde, dass die schwindenden natürlichen Ressourcen auch auf seine Zukunftsstadt problematischen Einfluss haben würden, forderte er 1954: "Kaufen Sie nicht den großen amerikanischen Wagen mit ausladenden Ecken, kaufen Sie einen kleineren, so wie Nash ihn produziert hat, und fahren Sie dreißig oder vierzig Meilen mit einer Gallone."

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