Vitra-Mueseum : Der amerikanische Raum

Coconut-Chair und Marshmallow-Sofa: George Nelson in einer Ausstellung im Vitra-Museum Weil.

Michael Zajonz

Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl stand neben der politischen mal wieder eine weltanschauliche Richtungsentscheidung an: zwischen dem fundamentalistisch-ländlichen Amerika und einem weltläufig-urbanen. Wie stark Letzteres auch jenseits von Lichtgestalten wie JFK unser europäisches Wunschdenken über die USA prägt, ist derzeit im Vitra-Design-Museum in Weil zu besichtigen.

Die großartige Ausstellung zum Werk des amerikanischen Designers George Nelson führt einen scheinbar ganz und gar europäischen Amerikaner vor: smart, witzig, stets eine Zigarette zwischen den spöttischen Lippen. Nelson, Jahrgang 1908, war trotz früher Stirnglatze und Bauchansatz ein lässiger Weltstadttyp. Ein sanfter Provokateur, wie Michel Piccoli in Claude Sautets Meisterwerk „Die Dinge des Lebens“. Piccoli spielt dort einen hyperaktiven Architekten, der sich mit dem eigenen Sportwagen zu Tode hetzt.

Auch Nelson hat Architektur (in Yale) studiert, und eines der schönsten Fotos im Katalog zeigt ihn Anfang der fünfziger Jahre mit Hund in seinem Jaguar XK-120. Hier enden glücklicherweise die Parallelen. Der 1986 als 77-Jähriger gestorbene Nelson konnte auf ein reiches Werk als Designer, Architekt, Ausstellungsmacher, Journalist, Buchautor und Hochschullehrer zurückblicken.

Die Verhältnisse in Europa kannte er aus eigener Anschauung: durch ein zweijähriges Rom-Stipendium der American Academy 1932-1934. Dort trifft er auf bedeutende europäische Architekten – darunter Mies van der Rohe, Le Corbusier, Gio Ponti – und beschreibt sie in einer Artikelserie für das amerikanische Publikum. Unlängst als Buch herausgekommen, sind Nelsons frühe Texte noch immer lesenswert. Nelson war – glückliches Amerika – der geborene Kommunikator.

Ein Designerkollege Nelsons sah es rückblickend so: „Es war eine Ironie des Schicksals, dass George dermaßen gut schrieb, dass er seine eigentlichen Leistungen als Designer damit in den Schatten stellte. Alles, was im Industriedesign überhaupt lesen und schreiben konnte, wusste bald, dass er besser als jeder andere auf den Punkt bringen konnte, worin der Beruf bestand und warum er wichtig war.“ Zwölf Bücher, mindestens 180 Artikel in der Presse – eigentlich schon ein Lebenswerk.

Im Zentrum der von Jochen Eisenbrand kuratierten Ausstellung steht jedoch George Nelson, der Gestalter. Mit - inzwischen wiederaufgelegten – Klassikern wie dem Coconut-Chair und dem Marshmallow-Sofa hat er Designgeschichte geschrieben. Entstanden sind all die Sitzmöbel, Regalsysteme und Bürolandschaften, die uns noch heute so vertraut vorkommen, als wären sie Teil unserer eigenen Kindheitsgeschichte, ab 1957 für den Möbelhersteller Herman Miller, eine mittelständische Firma tief im Mittleren Westen. Nie wieder war Amerika Europa so nah. Und nie wieder dabei stets einen Schritt voraus.

Absolut unkonventionell ist bereits die Geschichte, wie der Architekt, der bis dahin ein paar elegante Apartments und Wohnhäuser, doch kaum ein Möbelstück entworfen hatte, zum Designer wurde. 1945 brachte Nelson zusammen mit seinem Journalistenkollegen Henry Wright das Buch „Tomorrow’s House“ heraus. Es wurde ein Bestseller, weil es den aus dem Krieg heimgekehrten Mittelstandsamerikanern gezeigt hat, wie man mit Eigeninitiative – im Idealfall im damals propagierten Do-it-yourself-Verfahren – zum eigenen Haus kommt.

Nelsons entwickelt darin die Idee der storage wall, der normale Zwischenwände ersetzenden Schrankwand. Sie landet im Januar 1945 auf dem Titel des „Life Magazine“, was D. J. De Pree, Direktor von Herman Miller, spontan dazu bringt, Nelson den Posten des Designdirektors anzubieten. Der Mann, der traditionelle Möbel abschaffen will (und dabei schließlich ziemlich weit gekommen ist), wird Mitglied der Geschäftsführung einer Möbelfabrik. Anfang 1947 erscheint die erste von Nelson und seinem New Yorker Büro entworfene Möbelkollektion, der bis in die sechziger Jahre etliche folgen werden. Schon 1947 ging es ihm um die Kombinierbarkeit aufeinander bezogener Regalmodule. Das System Ikea war erfunden.

Den größten Auftrag erhält das Nelson-Office, in dem Ettore Sottsass, Michael Graves und Andy Warhol als junge Talente hospitierten, jedoch von der amerikanischen Regierung. Die American National Exhibition, die im Sommer 1959 in Moskau stattfand, wurde zu einer der größten friedlichen Selbstdarstellungen, die sich die USA jemals auf dem internationalen Parkett geleistet haben. Der Auftrag, den Nelson als Chefdesigner der Ausstellung von Präsident Eisenhower erhielt, war eindeutig: „Öffnen Sie die Tür im Eisernen Vorhang einen Spalt.“ Im Vitra-Museum zeigen Fotos und Filmausschnitte vom Eröffnungstag den ungeheuren Enthusiasmus, der die Ausstellungsmacher und das russische Publikum gleichermaßen erfasst hatte.

An diesem Tag entspann sich übrigens zwischen Vizepräsident Richard Nixon und KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow die legendäre kitchen debate. Vor einer Einbauküche diskutierten die beiden Politiker über Lebensstandards und die Vorzüge des jeweiligen politischen Systems. Den Antiideologen Nelson dürfte es begeistert haben, dass in Möbeln soviel Gesprächsstoff stecken kann.

Vitra-Design-Museum, Weil am Rhein, bis 1. März 2009. Katalog 79,90 €.

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